Russ-Scherer an "eigenen charakterlichen Schwächen gescheitert"
Phillipp Mausshardt schrieb am 26. Oktober 2006 im Tübinger Wochenblatt einen Nachruf auf Brigitte Russ-Scherer:
Tüpisch: Wichtig und unwichtig
Es war keine Wahl, was am vergangenen Sonntag in Tübingen stattfand. Es war eine Abwahl. Die amtierende Oberbürgermeisterin Brigitte Russ-Scherer, 50, wurde nach acht Jahren als Rathaus-Chefin mit einem für sie peinlichen und schmerzlichen Ergebnis abgestraft. Wer als Amtsinhaberin nach so vielen Jahren nur noch rund 30 Prozent der Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von nur 50 Prozent erhält, weiß zumindest eines: Russ-Scherer war bei vielen Menschen unbeliebt.
Die ersten verbitterten Äußerungen nach Bekannt werden der Wahlschlappe lassen darauf schließen, dass die Tübinger Oberbürgermeisterin nicht wirklich begriffen hat, was der Grund der Unzufriedenheit der Tübinger war. Sie machte den „polemischen Wahlkampf“ ihres Herausforderers Boris Palmer verantwortlich und – wie immer in solchen Fällen – die Medien. Es ist vielleicht auch menschlich zu viel verlangt, einzugestehen, dass man an seinen eigenen charakterlichen Schwächen gescheitert ist.
Vor allem wenn diese Schwäche darin bestand, anderen das Gefühl der Unwichtigkeit zu vermitteln. Brigitte Russ-Scherer hat ihre Welt in wichtig und unwichtig eingestuft und ihr Gegenüber jeweils spüren lassen, zu welcher Kategorie es für sie zählt. Die „Wichtigen“ fühlten sich geschmeichelt, die „Unwichtigen“ verletzt. Es gab viele „Unwichtige“ in de Stadt für sie. Aber die „Unwichtigen“ haben eben bei Wahlen auch eine Stimme zu vergeben. Das hatte sie vergessen.
Es hat etwas Tragisches, wenn ein Mensch sehenden Auges in sein eigenes Unglück rennt. Brigitte Russ-Scherer hatte keine Antennen oder keine guten Berater, die sie rechtzeitig gewarnt haben. Oder aber sie hatte nicht die Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren und Schlüsse daraus zu ziehen. Wie auch immer: Die erste Oberbürgermeisterin, die Tübingen jemals hatte, stand sich letztlich selbst im Weg. Abgewählt nicht wegen Unfähigkeit, sondern wegen fehlender Leutseligkeit. In diesem Wort steckt schon alles drin: Man muss die Seele der Menschen erreichen. Ihr Kopf allein genügt nicht.
Wer wie in Baden-Württemberg als Stadtoberhaupt direkt vom Volk gewählt und wiedergewählt werden will, muss eben mehr sein als klug im Kopf und schnell im Denken. Auch im Begriff des Stadtvaters oder der Stadtmutter kommt das Gefühl zur Sprache, das sich viele Bürger gegenüber dem Rathauschef wünschen: Ernst genommen zu werden. Oder um es noch einfacher zu sagen: Die Stadtkinder wollen geliebt werden. Und nicht abgekanzelt. Und nicht bevormundet. Und schon gar nicht in wichtige und unwichtige Personen eingeteilt werden.
Eine Stadt funktioniert weder wie ein hierarchisches Wirtschaftsunternehmen, noch wie kalter Beamtenapparat. Mehr als alle andere gewählten Politiker müssen Oberbürgermeister integrierend wirken. Und wenngleich sie es auch nicht allen recht machen können und wollen, so ist es doch ihre verdammte Pflicht, den unterschiedlichsten Gruppen zuzuhören und sie so gut es geht einzubinden. Gerade in Zeiten leerer öffentlicher Kassen braucht man das Engagement vieler Bürger, die für ihre Stadt etwas tun. Ihr einziger Lohn ist die öffentliche Anerkennung und dieser Lohn fiel unter Russ-Scherer doch in vielfältiger Hinsicht mager aus.
Nun ist Brigitte Russ-Scherer erst einmal abgetaucht, um die Niederlage zu verdauen. Das ist ihr gutes Recht. Man mag ihr wünschen, dass trotz aller persönlicher Verletzungen anschließend noch Raum ist, sich mit Anstand zu verabschieden.
Soweit der Leitartikel im Wochenblatt.
Wen hielt die abgewählte Oberbürgermeisterin für wichtig? Wer für ihre Karriere nützlich zu sein schien und wer ihr nicht widersprach. Die Menschen waren für sie Luft. Ihr Programm war sie selbst. Michael Petersen von der Stuttgarter Zeitung höhnte vor der Wahl: „Im Kreis von Unterstützern zeigt Brigitte Russ-Scherer dagegen eine andere Seite, charmant, witzig und auf nette Weise den Körperkontakt suchend, vermag sie zu gewinnen. Und viele Honoratioren in der Stadt setzen auf sie.“ Am Schluss versteckten sich aber auch die Professoren und Prominenten hinter der nächsten Säule, wenn sie sich wieder eine Wichtigkeit aussuchte. Denn der Gehätschelte wurde streng bestraft, er kam nicht mehr zu Wort und wurde stundenlang in Endlosschleife zugeschwallt.
Über Jahre hinweg war die Tübinger Linke fast die einzig wahrnehmbare Opposition gegen Russ-Scherer. 70 Prozent der Wähler haben uns Recht gegeben. Weshalb so deutlich? Wir haben auf der Linken mit der Kandidatin Kornelia Möller dafür gesorgt, dass die Boris-Palmer-Hasser nicht in die Versuchung kamen, Russ-Scherer zu wählen. Hans-Jörg Stemmler übernahm dieselbe verantwortungsvolle Aufgabe auf der anderen Seite. Sonst wäre es knapper ausgegangen. Die Stadt kann aufatmen.
Tüpisch: Wichtig und unwichtig
Es war keine Wahl, was am vergangenen Sonntag in Tübingen stattfand. Es war eine Abwahl. Die amtierende Oberbürgermeisterin Brigitte Russ-Scherer, 50, wurde nach acht Jahren als Rathaus-Chefin mit einem für sie peinlichen und schmerzlichen Ergebnis abgestraft. Wer als Amtsinhaberin nach so vielen Jahren nur noch rund 30 Prozent der Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von nur 50 Prozent erhält, weiß zumindest eines: Russ-Scherer war bei vielen Menschen unbeliebt.
Die ersten verbitterten Äußerungen nach Bekannt werden der Wahlschlappe lassen darauf schließen, dass die Tübinger Oberbürgermeisterin nicht wirklich begriffen hat, was der Grund der Unzufriedenheit der Tübinger war. Sie machte den „polemischen Wahlkampf“ ihres Herausforderers Boris Palmer verantwortlich und – wie immer in solchen Fällen – die Medien. Es ist vielleicht auch menschlich zu viel verlangt, einzugestehen, dass man an seinen eigenen charakterlichen Schwächen gescheitert ist.
Vor allem wenn diese Schwäche darin bestand, anderen das Gefühl der Unwichtigkeit zu vermitteln. Brigitte Russ-Scherer hat ihre Welt in wichtig und unwichtig eingestuft und ihr Gegenüber jeweils spüren lassen, zu welcher Kategorie es für sie zählt. Die „Wichtigen“ fühlten sich geschmeichelt, die „Unwichtigen“ verletzt. Es gab viele „Unwichtige“ in de Stadt für sie. Aber die „Unwichtigen“ haben eben bei Wahlen auch eine Stimme zu vergeben. Das hatte sie vergessen.
Es hat etwas Tragisches, wenn ein Mensch sehenden Auges in sein eigenes Unglück rennt. Brigitte Russ-Scherer hatte keine Antennen oder keine guten Berater, die sie rechtzeitig gewarnt haben. Oder aber sie hatte nicht die Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren und Schlüsse daraus zu ziehen. Wie auch immer: Die erste Oberbürgermeisterin, die Tübingen jemals hatte, stand sich letztlich selbst im Weg. Abgewählt nicht wegen Unfähigkeit, sondern wegen fehlender Leutseligkeit. In diesem Wort steckt schon alles drin: Man muss die Seele der Menschen erreichen. Ihr Kopf allein genügt nicht.
Wer wie in Baden-Württemberg als Stadtoberhaupt direkt vom Volk gewählt und wiedergewählt werden will, muss eben mehr sein als klug im Kopf und schnell im Denken. Auch im Begriff des Stadtvaters oder der Stadtmutter kommt das Gefühl zur Sprache, das sich viele Bürger gegenüber dem Rathauschef wünschen: Ernst genommen zu werden. Oder um es noch einfacher zu sagen: Die Stadtkinder wollen geliebt werden. Und nicht abgekanzelt. Und nicht bevormundet. Und schon gar nicht in wichtige und unwichtige Personen eingeteilt werden.
Eine Stadt funktioniert weder wie ein hierarchisches Wirtschaftsunternehmen, noch wie kalter Beamtenapparat. Mehr als alle andere gewählten Politiker müssen Oberbürgermeister integrierend wirken. Und wenngleich sie es auch nicht allen recht machen können und wollen, so ist es doch ihre verdammte Pflicht, den unterschiedlichsten Gruppen zuzuhören und sie so gut es geht einzubinden. Gerade in Zeiten leerer öffentlicher Kassen braucht man das Engagement vieler Bürger, die für ihre Stadt etwas tun. Ihr einziger Lohn ist die öffentliche Anerkennung und dieser Lohn fiel unter Russ-Scherer doch in vielfältiger Hinsicht mager aus.
Nun ist Brigitte Russ-Scherer erst einmal abgetaucht, um die Niederlage zu verdauen. Das ist ihr gutes Recht. Man mag ihr wünschen, dass trotz aller persönlicher Verletzungen anschließend noch Raum ist, sich mit Anstand zu verabschieden.
Soweit der Leitartikel im Wochenblatt.
Wen hielt die abgewählte Oberbürgermeisterin für wichtig? Wer für ihre Karriere nützlich zu sein schien und wer ihr nicht widersprach. Die Menschen waren für sie Luft. Ihr Programm war sie selbst. Michael Petersen von der Stuttgarter Zeitung höhnte vor der Wahl: „Im Kreis von Unterstützern zeigt Brigitte Russ-Scherer dagegen eine andere Seite, charmant, witzig und auf nette Weise den Körperkontakt suchend, vermag sie zu gewinnen. Und viele Honoratioren in der Stadt setzen auf sie.“ Am Schluss versteckten sich aber auch die Professoren und Prominenten hinter der nächsten Säule, wenn sie sich wieder eine Wichtigkeit aussuchte. Denn der Gehätschelte wurde streng bestraft, er kam nicht mehr zu Wort und wurde stundenlang in Endlosschleife zugeschwallt.
Über Jahre hinweg war die Tübinger Linke fast die einzig wahrnehmbare Opposition gegen Russ-Scherer. 70 Prozent der Wähler haben uns Recht gegeben. Weshalb so deutlich? Wir haben auf der Linken mit der Kandidatin Kornelia Möller dafür gesorgt, dass die Boris-Palmer-Hasser nicht in die Versuchung kamen, Russ-Scherer zu wählen. Hans-Jörg Stemmler übernahm dieselbe verantwortungsvolle Aufgabe auf der anderen Seite. Sonst wäre es knapper ausgegangen. Die Stadt kann aufatmen.
Anton Brenner - 2006/10/28 17:23
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