Boris Palmer als GREEN OBAMA in Ann Arbor gefeiert
Ann Arbor ist wie Tuebingen. Dieselben Probleme, derselbe Oberbuergermeister. Beide machen eine gute Figur in der nordamerikanischen Partnerstadt (sistercity). Die Delegation aus Tuebingen, die begleitenden Stadtraete Ulrike Heitkamp von den buergerlichen freien Waehlern und ich als Abgesandter der Linken koennen zufrieden sein. Boris Palmer wurde nach seiner Rede am Dienstagabend in der Stadtbuecherei von Ann Arbor mit einer stehenden Ovation gefeiert.
Demokraten Ann Arbors vereinigen alle Tuebinger Parteien unter einem Dach
Obwohl Ann Arbor wie Tuebingen ist, scheint es ein paar oberflaechliche Unterschiede zu geben. In Ann Arbor sitzt nur eine Partei im Stadtparlament, in Tuebingen sind es fuenf. Eine kluge Historikerin klaerte mich bei einer Riesentasse Kaffee auf. Die Republikaner treten schon gar nicht mehr an, sondern kandidieren bei den Demokraten, so dass Konservative, rechte, mittlere und linke Sozialdemokraten und Liberale alle in einer Partei sind. In Tuebingen waere dies eine Einheitspartei mit Palmers Gruenen (Al Gore), den Linken (Obama oder, um bei dem Palmer-Obama-Bild zu bleiben, dessen linker Pastor aus Chicago), der SPD (Hillary) und der integrierten CDU, UFW-WUT, FDP (verschiedene Fluegel der Republikaner). Die meisten Abstimmungen im Tuebinger Rathaus funktionieren tatsaechlich so.
Boris Palmers schlichte Botschaft
Warum sollte es Palmers Predigt in Ann Arbor besser gehen als Al Gores Film vom bevorstehenden Weltuntergang? Das Palmersche Weltrettungsmodell Tuebingen begann mit dem Franzoesischen Viertel. Stadt der kurzen Wege. Autofreie Idylle. In jedem Erdgeschoss Geschaefte und Arbeitsplaetze. Enge Bebauung wie in der romantischen Vorstellung von der idealen Stadt im Mittelalter.
Spielende Kinder statt Autos. Kein Wort von dem die Stadtkasse ewig strapazierenden automatischen Parkhaus. Kein Wort von der zur Rumpelkammer umfunktionierten Geschaeftsetage. Kein Wort von der Ersatzparkierung in benachbarten Wohngebieten. Kein Wort, dass dem ebenfalls preisgekroenten Vorbild in Heidelberg jetzt der Teilabriss droht, um den inzwischen sozialen Brennpunkt zu entschaerfen. Kein Wort, dass die Chefpropagandisten des Franzoesischen Viertels lieber in der historischen Altstadt, in der beruehmten Neckarhalde 7 oder in einer Jugendstilvilla in der Gartenstrasse wohnen.
Im Weltrettungswettbewerb, wer mehr Treibhausgas einspart, konnte Tuebingen nicht so glaenzen, da "Tuebingen macht blau" nur 10 Prozent Einsparung zum Ziel hat, waehrend Ann Arbor hoehere Ziele hat. Deshalb werden wohl einige Glanzlichter Ann Arbors auf Tuebingen uebertragen werden. Alle Strassenlaternen Ann Arbors werden derzeit auf LED-Lampen umgestellt. 50% weniger Energieverbrauch und eine laengere Lebensdauer sollen die Investitionskosten von ca. 800 $ pro Stadtlaterne locker finanzieren. Auf welche Zeit sich das lohnt, koennte auch in Duesseldorf erfragt werden, das gleichzeitig mit Ann Arbor das LED-Strassenlaternen/Zeitalter im Herbst 2007 einlauetete. Ann Arbors Buergermeister haette auch gerne der Tuebinger Delegation LED-Leuchtstoffroehren fuer 120 $ das Stueck (statt 3 Euro im Tuebinger Baumarkt) verkauft, blieb aber darauf sitzen, weil er nicht mit der schwaebischen Sparsamkeit gerechnet hatte, die anders als im oeffentlichen Bereich noch gut funktioniert.
Auch eine andere Treibhausgas bremsende Pionierleistung Ann Arbors wird wohl in Tuebingen nicht eins zu eins umgesetzt werden.
In einer Musteranlage wurde der Tuebinger Delegation gezeigt, wie in der Etage unterhalb der Kloschuessel wertvoller Gartendung fuer die Blumen und Erdbeeren im Garten entnommen werden kann. Ein Modell, das schon in der Tuebinger Gogenhymne "In der Neckarhalde sieben ist des Scheisshaus ebenvoll" mustergueltig beschrieben wird und bis vor 100 Jahren emsig mit Blechbutten praktiziert wurde.
Tuebinger Heizkraftwerke als Weltmodell?
Teil der Oekobotschaft Boris Palmers an das amerikanische Volk waren die Tuebinger Blockheizkraftwerke mit einem rechnerisch bedeutenden Wirkungsgrad. Das Pech dabei ist, dass die Heizkraftwerke immer Waerme liefern, auch wenn sie nicht gebraucht wird. Deshalb geht die Waerme entweder mit 200 Grad durch den Schornstein oder das teure Teil wird die meiste Zeit im Jahr, wenn es warm ist, abgestellt. Zudem sind die langen Fernwaermeleitungen mit bis zu 80 Prozent Waermeverlust eine Technologie von Gestern. Zeitgemaess waeren allenfalls dezentrale Klein-Heizkraftwerke. Wie im Fall der "kurzen Wege" schadet es mehr, wenn man eine zu lange Leitung hat.
Smarte Botschaft an das Detroiter Autoviertel
So ganz autofrei und autofeindlich konnte die Botschaft an Ann Arbor im notleidenden Autoguertel der USA doch nicht sein. Das liess auch der schwaebische Nationalstolz nicht zu, weshalb Palmer ausdruecklich die Wiege der Automobilindustrie in Baden-Wuerttemberg und bei Daimler-Benz verortete. Da werden manche Zuhoerer gemischte Gefuehle gehabt haben, nach dem Desaster mit Daimler-Chrysler. Jedenfalls waren sich die beiden Buergermeister einig, wenn schon Auto, dann aus der Region. Als bekehrter Toyota-Hybrid-Suender gab sich Boris Palmer besonders eifrig. Was dem einen sein Hybrid-Bus von General Motors, war dem anderen der Smart von Daimler.
Alte Fehler vermeiden, neue begehen
Die anzueglichen Wortspiele, wer den "kleinsten" hat, wurden sowohl der Partnerstadt wie den Delegationsmitgliedern erspart. Auch vom teuren Bluegreen/Tarif der Tuebinger Stadtwerke war keine Rede mehr. Vielleicht auch deswegen, weil Palmer von den erfrischend pragmatisch denkenen Amerikanern gelernt hat, dass die Leute umso lieber oekologisch denken, wenn sie damit auch noch Geld sparen koenne. Die groessten gruenen Dummheiten waren, das positive Ziele Oekologie mit dem negativen Beigeschmack "Steuer" (Oekosteuer) zu versehen und mit dem teureren und zudem nicht wirklichen Oekostrom steigende statt fallende Kosten zu verbinden. Zuviel Volksnaehe kann jedoch auch schnell umschlagen. Es war nicht so toll, dass Boris Palmer das Argument mit dem Geldsparen durch Oekologie so austappte, dass man das Geld doch nicht so schlimmen Erdoel-Laendern wie Saudi-Arabien, Irak, Iran und Russland in den Rachen schmeissen, sondern lieber im Land lassen solle. Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz: Ohne Auftrags/ und Geldboom aus diesen Laendern koennte unsere Wirtschaft gleich den Sargdeckel zumachen.
Deutschtum im Ausland mit Vorsicht zu geniessen
Was dem tuerkischen Ministerpraesident Erdogan in Koeln passiert ist, wiederholte sich fast als Karikatur unter deutschen Auswanderern in Ann Arbor. Auch hier wird ein Deutschtum konserviert, das, vornehm ausgedrueckt, befremdend ist. Der tuerkische Emigrant bewahrt sich so ein vormodernes Tuerkentum, dass er erschrickt, wenn er in Istanbul die Maedchen nabelfrei heraumlaufen sieht und schnell nach Deutschland zurueckkehrt, wo er seine Toechter noch vermummen und zwangsverheiraten kann. Genauso pflegen manche Deutsche in Ann Arbor mit Lederhosen und krachledernen Gesaengen ein Deutschtum, das als boese Karikatur der deutschen Vergangenheit wahrgenommen werden kann. In Metzgers Restaurant wurden wir Zeuge und waren wir Staffage einer solchen Auffuerung.
Stadtbuecherei und Obdachlosenbetreuung vorbildlich
Die Stadtbuecherei in Ann Arbor macht einen sehr guten Eindruck. Tuebingen koennte froh sein, wenn die ihre wenigstens so gut ausgestattet waere, wie hier eine Zweigstelle. Lernen koennte Tuebingen auch von der Betreuung der Obdachlosen in einem eigenen Gebaeude. Dort gibt es drei Mahlzeiten und freie medizinische Betreuung. Die gruene Treibhausgas-Religion zur Rettung der Welt, verdeckte etwas die anderen interessanten Themen. Allgegenwaertig war die Horrorvorstellung, dass der "einfache Chinese" den gleichen Wohlstand anstrebt wie der Durchschnitts-Amerikaner oder -Deutsche. "His Holiness the 14th Dalai Lama" in seiner Genuegsamkeit dient da wohl als Nothelfer vor den Chinesen. Im Uni-Institut fuer "Sustainability" wies er am 20. April den Weg und wir alle bekamen seine Erleuchtungen auf einer DVD ins Reisegepaeck. Als kurz das Gespraech darauf kam, dass das Studium pro Semester etwa 13000 $ kostet, meinte die schmucke Frau des Buergermeisters, wir sollten uns nicht bei solchen unangenehmen Dingen aufhalten. So wissen wir nun, wo sich die Studenten das erste Mal kuessen und dass sie gerne in der im Oxford-Stil gebauten Juristischen Fakultaet heiraten.
Downtown und Altstadt Problemzonen
In Downtown Ann Arbor gibt es kaum noch einen vernuenftigen Laden. Die verbliebenen Restaurants und Boutiquen werden ebenso zu kaempfen haben wie in der Tuebinger Altstadt. Eingekauft wird in Malls am Rande der Stadt, die am Sonntag noch voller sind als die Kirchen. Gegessen wird in Restaurants ausserhalb, wovor man bequem parken kann. Ann Arbor tut alles, um das Downtown-Leben trotzdem zu erhalten. Ein Festival jagt das andere, Open-Air Konzerte sind im Sommer an der Tagesordnung. Die organisierte Schlafmuetzigkeit wie in der Tuebinger Altstadt ("nachdem wir Afrobrazil vejagt haben, kommt nun das Stadtfest dran") ist dem gruenen Mainstream in Ann Arbor Gott sei Dank fremd. Hier scheint tatsaechlich anders als in Tuebingen eine Kombination von Mueslikonsum, Esoterik und Lebensfreude moeglich zu sein. Ann Arbor kann froh sein, dass der Antiamerikanismus der Tuebinger gruenen Politpietisten bisher verhindert hat, dass diese in der Sistercity missionarisch taetig wurden.
Anton Brenner,
z.Zt. in Ann Arbor
Demokraten Ann Arbors vereinigen alle Tuebinger Parteien unter einem Dach
Obwohl Ann Arbor wie Tuebingen ist, scheint es ein paar oberflaechliche Unterschiede zu geben. In Ann Arbor sitzt nur eine Partei im Stadtparlament, in Tuebingen sind es fuenf. Eine kluge Historikerin klaerte mich bei einer Riesentasse Kaffee auf. Die Republikaner treten schon gar nicht mehr an, sondern kandidieren bei den Demokraten, so dass Konservative, rechte, mittlere und linke Sozialdemokraten und Liberale alle in einer Partei sind. In Tuebingen waere dies eine Einheitspartei mit Palmers Gruenen (Al Gore), den Linken (Obama oder, um bei dem Palmer-Obama-Bild zu bleiben, dessen linker Pastor aus Chicago), der SPD (Hillary) und der integrierten CDU, UFW-WUT, FDP (verschiedene Fluegel der Republikaner). Die meisten Abstimmungen im Tuebinger Rathaus funktionieren tatsaechlich so.
Boris Palmers schlichte Botschaft
Warum sollte es Palmers Predigt in Ann Arbor besser gehen als Al Gores Film vom bevorstehenden Weltuntergang? Das Palmersche Weltrettungsmodell Tuebingen begann mit dem Franzoesischen Viertel. Stadt der kurzen Wege. Autofreie Idylle. In jedem Erdgeschoss Geschaefte und Arbeitsplaetze. Enge Bebauung wie in der romantischen Vorstellung von der idealen Stadt im Mittelalter.
Spielende Kinder statt Autos. Kein Wort von dem die Stadtkasse ewig strapazierenden automatischen Parkhaus. Kein Wort von der zur Rumpelkammer umfunktionierten Geschaeftsetage. Kein Wort von der Ersatzparkierung in benachbarten Wohngebieten. Kein Wort, dass dem ebenfalls preisgekroenten Vorbild in Heidelberg jetzt der Teilabriss droht, um den inzwischen sozialen Brennpunkt zu entschaerfen. Kein Wort, dass die Chefpropagandisten des Franzoesischen Viertels lieber in der historischen Altstadt, in der beruehmten Neckarhalde 7 oder in einer Jugendstilvilla in der Gartenstrasse wohnen.
Im Weltrettungswettbewerb, wer mehr Treibhausgas einspart, konnte Tuebingen nicht so glaenzen, da "Tuebingen macht blau" nur 10 Prozent Einsparung zum Ziel hat, waehrend Ann Arbor hoehere Ziele hat. Deshalb werden wohl einige Glanzlichter Ann Arbors auf Tuebingen uebertragen werden. Alle Strassenlaternen Ann Arbors werden derzeit auf LED-Lampen umgestellt. 50% weniger Energieverbrauch und eine laengere Lebensdauer sollen die Investitionskosten von ca. 800 $ pro Stadtlaterne locker finanzieren. Auf welche Zeit sich das lohnt, koennte auch in Duesseldorf erfragt werden, das gleichzeitig mit Ann Arbor das LED-Strassenlaternen/Zeitalter im Herbst 2007 einlauetete. Ann Arbors Buergermeister haette auch gerne der Tuebinger Delegation LED-Leuchtstoffroehren fuer 120 $ das Stueck (statt 3 Euro im Tuebinger Baumarkt) verkauft, blieb aber darauf sitzen, weil er nicht mit der schwaebischen Sparsamkeit gerechnet hatte, die anders als im oeffentlichen Bereich noch gut funktioniert.
Auch eine andere Treibhausgas bremsende Pionierleistung Ann Arbors wird wohl in Tuebingen nicht eins zu eins umgesetzt werden.
In einer Musteranlage wurde der Tuebinger Delegation gezeigt, wie in der Etage unterhalb der Kloschuessel wertvoller Gartendung fuer die Blumen und Erdbeeren im Garten entnommen werden kann. Ein Modell, das schon in der Tuebinger Gogenhymne "In der Neckarhalde sieben ist des Scheisshaus ebenvoll" mustergueltig beschrieben wird und bis vor 100 Jahren emsig mit Blechbutten praktiziert wurde.
Tuebinger Heizkraftwerke als Weltmodell?
Teil der Oekobotschaft Boris Palmers an das amerikanische Volk waren die Tuebinger Blockheizkraftwerke mit einem rechnerisch bedeutenden Wirkungsgrad. Das Pech dabei ist, dass die Heizkraftwerke immer Waerme liefern, auch wenn sie nicht gebraucht wird. Deshalb geht die Waerme entweder mit 200 Grad durch den Schornstein oder das teure Teil wird die meiste Zeit im Jahr, wenn es warm ist, abgestellt. Zudem sind die langen Fernwaermeleitungen mit bis zu 80 Prozent Waermeverlust eine Technologie von Gestern. Zeitgemaess waeren allenfalls dezentrale Klein-Heizkraftwerke. Wie im Fall der "kurzen Wege" schadet es mehr, wenn man eine zu lange Leitung hat.
Smarte Botschaft an das Detroiter Autoviertel
So ganz autofrei und autofeindlich konnte die Botschaft an Ann Arbor im notleidenden Autoguertel der USA doch nicht sein. Das liess auch der schwaebische Nationalstolz nicht zu, weshalb Palmer ausdruecklich die Wiege der Automobilindustrie in Baden-Wuerttemberg und bei Daimler-Benz verortete. Da werden manche Zuhoerer gemischte Gefuehle gehabt haben, nach dem Desaster mit Daimler-Chrysler. Jedenfalls waren sich die beiden Buergermeister einig, wenn schon Auto, dann aus der Region. Als bekehrter Toyota-Hybrid-Suender gab sich Boris Palmer besonders eifrig. Was dem einen sein Hybrid-Bus von General Motors, war dem anderen der Smart von Daimler.
Alte Fehler vermeiden, neue begehen
Die anzueglichen Wortspiele, wer den "kleinsten" hat, wurden sowohl der Partnerstadt wie den Delegationsmitgliedern erspart. Auch vom teuren Bluegreen/Tarif der Tuebinger Stadtwerke war keine Rede mehr. Vielleicht auch deswegen, weil Palmer von den erfrischend pragmatisch denkenen Amerikanern gelernt hat, dass die Leute umso lieber oekologisch denken, wenn sie damit auch noch Geld sparen koenne. Die groessten gruenen Dummheiten waren, das positive Ziele Oekologie mit dem negativen Beigeschmack "Steuer" (Oekosteuer) zu versehen und mit dem teureren und zudem nicht wirklichen Oekostrom steigende statt fallende Kosten zu verbinden. Zuviel Volksnaehe kann jedoch auch schnell umschlagen. Es war nicht so toll, dass Boris Palmer das Argument mit dem Geldsparen durch Oekologie so austappte, dass man das Geld doch nicht so schlimmen Erdoel-Laendern wie Saudi-Arabien, Irak, Iran und Russland in den Rachen schmeissen, sondern lieber im Land lassen solle. Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz: Ohne Auftrags/ und Geldboom aus diesen Laendern koennte unsere Wirtschaft gleich den Sargdeckel zumachen.
Deutschtum im Ausland mit Vorsicht zu geniessen
Was dem tuerkischen Ministerpraesident Erdogan in Koeln passiert ist, wiederholte sich fast als Karikatur unter deutschen Auswanderern in Ann Arbor. Auch hier wird ein Deutschtum konserviert, das, vornehm ausgedrueckt, befremdend ist. Der tuerkische Emigrant bewahrt sich so ein vormodernes Tuerkentum, dass er erschrickt, wenn er in Istanbul die Maedchen nabelfrei heraumlaufen sieht und schnell nach Deutschland zurueckkehrt, wo er seine Toechter noch vermummen und zwangsverheiraten kann. Genauso pflegen manche Deutsche in Ann Arbor mit Lederhosen und krachledernen Gesaengen ein Deutschtum, das als boese Karikatur der deutschen Vergangenheit wahrgenommen werden kann. In Metzgers Restaurant wurden wir Zeuge und waren wir Staffage einer solchen Auffuerung.
Stadtbuecherei und Obdachlosenbetreuung vorbildlich
Die Stadtbuecherei in Ann Arbor macht einen sehr guten Eindruck. Tuebingen koennte froh sein, wenn die ihre wenigstens so gut ausgestattet waere, wie hier eine Zweigstelle. Lernen koennte Tuebingen auch von der Betreuung der Obdachlosen in einem eigenen Gebaeude. Dort gibt es drei Mahlzeiten und freie medizinische Betreuung. Die gruene Treibhausgas-Religion zur Rettung der Welt, verdeckte etwas die anderen interessanten Themen. Allgegenwaertig war die Horrorvorstellung, dass der "einfache Chinese" den gleichen Wohlstand anstrebt wie der Durchschnitts-Amerikaner oder -Deutsche. "His Holiness the 14th Dalai Lama" in seiner Genuegsamkeit dient da wohl als Nothelfer vor den Chinesen. Im Uni-Institut fuer "Sustainability" wies er am 20. April den Weg und wir alle bekamen seine Erleuchtungen auf einer DVD ins Reisegepaeck. Als kurz das Gespraech darauf kam, dass das Studium pro Semester etwa 13000 $ kostet, meinte die schmucke Frau des Buergermeisters, wir sollten uns nicht bei solchen unangenehmen Dingen aufhalten. So wissen wir nun, wo sich die Studenten das erste Mal kuessen und dass sie gerne in der im Oxford-Stil gebauten Juristischen Fakultaet heiraten.
Downtown und Altstadt Problemzonen
In Downtown Ann Arbor gibt es kaum noch einen vernuenftigen Laden. Die verbliebenen Restaurants und Boutiquen werden ebenso zu kaempfen haben wie in der Tuebinger Altstadt. Eingekauft wird in Malls am Rande der Stadt, die am Sonntag noch voller sind als die Kirchen. Gegessen wird in Restaurants ausserhalb, wovor man bequem parken kann. Ann Arbor tut alles, um das Downtown-Leben trotzdem zu erhalten. Ein Festival jagt das andere, Open-Air Konzerte sind im Sommer an der Tagesordnung. Die organisierte Schlafmuetzigkeit wie in der Tuebinger Altstadt ("nachdem wir Afrobrazil vejagt haben, kommt nun das Stadtfest dran") ist dem gruenen Mainstream in Ann Arbor Gott sei Dank fremd. Hier scheint tatsaechlich anders als in Tuebingen eine Kombination von Mueslikonsum, Esoterik und Lebensfreude moeglich zu sein. Ann Arbor kann froh sein, dass der Antiamerikanismus der Tuebinger gruenen Politpietisten bisher verhindert hat, dass diese in der Sistercity missionarisch taetig wurden.
Anton Brenner,
z.Zt. in Ann Arbor
Anton Brenner - 2008/05/14 13:15
www.solid-sds.de
