Ohne Westen vor dem Scheitern? - Ex-Grüner Wilfried Telkämper kandidiert in Freiburg für die Linkspartei

Neues Deutschland - 09.11.05

Der 53-Jährige war Vize-Präsident des Europa-Parlaments und tritt nun in Baden-Württemberg für die Linkspartei an.

ND: Vor drei Jahren sind Sie aus Enttäuschung über die Grünen aus der Politik ausgestiegen. Nun zieht es Sie wieder zurück. Warum ausgerechnet zur Linkspartei?

Telkämper: Die Geschichte der deutschen Linken ist eine von Spaltungen. Mit der Linkspartei können wir nun erleben, dass zuvor in Konkurrenz stehende Organisationen auch zusammenfinden können: Leute aus der PDS, der Wahlalternative, Bewegungen und aus dem Lager jener, die einmal mit Optimismus Grün gewählt haben oder dort aktiv waren und nun nach einer neuen politischen Heimat suchen.

Ist für linke Grüne ein Parteienbündnis, bei dem soziale Fragen eher im Vordergrund stehen als die Umwelt, die beste Wahl?
Linke Grüne haben immer dafür gekämpft, dass auch bei den Grünen Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik Themen von Vorrang sind. Das ist durch andere verhindert worden. Ich denke, eine Politik gegen die Klimakatastrophe und für erneuerbare Energien ist auch eine Politik des wirtschaftlichen Umbaus der Gesellschaft und sichert zukünftige Arbeitsplätze. Das gehört zusammen und die Debatte muss gemeinsam geführt werden.

Auch mit dem Gewerkschaftsspektrum, in dem umweltpolitische Forderungen auf Skepsis stoßen ?
Es geht wie gesagt nicht nur um die Sicherung von Arbeitsplätzen oder um Besitzstandswahrung. Es geht um die globale Frage, wie in Zukunft Arbeit aussehen soll. Darüber muss gemeinsam diskutiert werden. Hier im südlichen Baden machen wir im Augenblick die Erfahrung eines offenen Aufeinanderzugehens unterschiedlichster politischer Strömungen. Möglich wurde dies gerade durch die Debatte um die Linkspartei.

Mancher schaut auch mit Skepsis auf diese Entwicklung, wird doch befürchtet, die Linkspartei könnte den Weg der Grünen nehmen. Sind die Sorgen berechtigt?
Solche Befürchtungen sind bei jeder Partei berechtigt. Ob man sich im schlechten Sinne politisch etabliert, hängt aber davon ab, wie lebendig eine Partei Debatten zulässt und daraus Schlüsse zieht. Und: Politik ist das Prinzip Hoffnung. Die habe ich auch bei der Linkspartei und deshalb sollte man versuchen, sich einzumischen.

Für Ihre Rückkehr auf die politische Bühne haben Sie die Landespolitik gewählt. Warum?
In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sind im März 2006 die ersten Landtagswahlen im Westen, bei denen die Linkspartei nach dem Wahlerfolg auf Bundesebene antritt. Wenn hier der Einzug als Fraktion verfehlt wird, stünde das Gesamtprojekt bereits wieder vor dem Scheitern. Das Stimmengewicht des Ostens muss vom Westen aus mittragen werden.

Freiburg ist bislang eine grüne Hochburg. Wie sehen Sie Ihre Chancen?
Freiburg ist nicht nur eine grüne, sondern auch eine linke Hochburg. Kandidaten der Linken haben hier bei den letzten Wahlen immer gut abgeschnitten und hatten in einzelnen Wahlbezirken sogar die Mehrheit. Wir sollten hier in Freiburg versuchen, mit einem zweistelligen Ergebnis ein Zeichen für westdeutsche Länder zu setzen.

Ein Zeichen auch für linke Grüne, die der Partei bislang noch nicht den Rücken gekehrt haben?
Monika Knoche und ich haben die linken Grünen in Baden-Württemberg über Jahre koordiniert. Sie sitzt für die Linkspartei im Bundestag, ich versuche als Parteiloser auf diesem Ticket den Sprung in den Landtag. Ich hoffe, das setzt auch für andere ein Signal.

Fragen: Tom Strohschneider

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