Rede zum Ausscheiden von Gerhard Bialas aus dem Tübinger Gemeinderat
Anton Brenner - 5. Dezember 2005
Lieber Gerhard Bialas,
du bist nach dem Krieg, nach der Vertreibung aus deiner schlesischen Heimat, Tübinger geworden.
Die Schuldigen für Krieg, Tod und Vertreibung waren für dich klar:
Schuld waren der deutsche Nationalismus und die Nazis.
Und du hast in Tübingen Gegner der Nazis getroffen. Allesamt Kommunisten.
Den Milchhändler Holder und den Handwerker Offenburger in der Bachgasse, die damals im Volksmund Stalinallee hieß.
Vorbild war für dich Ferdinand Zeeb, der bei der Tübinger Oberbürgermeisterwahl 1948 fast 20 Prozent erreichte, so viel wie der Amtsinhaber aus der SPD.
Ferdinand Zeeb saß schon im KZ, als der Tübinger Gemeinderat am 15. Mai 1933 beschloss: „Juden und Fremdrassigen ist der Zutritt zum städtischen Freibad zu verwehren.“
Eine Woche davor hatte die Tübinger Chronik berichtet: „Die Fraktion, die lediglich der Opposition wegen auf dem Rathaus war, nämlich die kommunistische, ist Gott sei Dank verschwunden. Sie war es, die jedem anständig Denkenden die Freude an der Gemeindepolitik vergällt hat.“
Der SPD ging es nicht lange besser. Am 16.5.1933 steht in der Tübinger Chronik: „Die Zahl der Tübinger Gemeinderatsmitglieder ist abermals um drei verkleinert worden. Die Sozialdemokratische Fraktion ist ... abgetreten. Damit ist das Kollegium jetzt vollständig marxistenrein.“
Lieber Gerhard, du wurdest auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges Nachfolger von Ferdinand Zeeb als KPD-Vorsitzender in Tübingen.
Unter Adenauer wurden mehr Kommunisten eingesperrt, weil sie Flugblätter verteilt haben, als alte Nazis, weil sie Massenmörder waren. Das war eine harte Schule für dich.
Du hast durchgehalten und bekamst 1968 Verstärkung. Seit 1969 kennen wir uns. 1972, als Willy Brandt und die SPD die Berufsverbote erfanden, gründeten wir einen kommunalpolitischen Arbeitskreis. Mit wissenschaftlicher externer Beratung aus dem Ludwig-Uhland-Institut hatten wir dann 1975 Erfolg - mit dem Leitbild „Aktion gläsernes Rathaus – damit man draußen sieht, was drinnen vorgeht“.
Seitdem bist du ununterbrochen Stadtrat. Du hast seither immer zu den Stadträten mit den meisten Stimmen gehört.
Und seitdem ist das Rathaus nicht gerade aus Glas, aber durchsichtiger. Weder du noch wir ließen und lassen uns zu Geheimräten machen.
Die Anerkennung von unten war dir immer mehr wert als Orden und Ehrenzeichen von oben. Doch wenn in Deutschland auch einmal ein Kommunist wie du für seine Lebensleistung ein Bundesverdienstkreuz bekommt, wird unser Land ein normales, liberales, weltoffenes und demokratisches Land sein.
Lieber Gerhard, mit dir geht jetzt auch ein Stück des 20. Jahrhunderts, des „Zeitalters der Extreme“, in den Ruhestand. Wir verabschieden dich mit zwei symbolischen Geschenken.
Zum einen mit einem Banner aus der untergegangenen Sowjetunion. Eine rote Fahne, mit Lenin und viel Hammer und Sichel.
Nur noch im österreichischen Staatswappen findet man Hammer und Sichel. Und während in der ehemaligen DDR ihre Straßennamen getilgt werden, gibt es in Tübingen eine Rosa-Luxemburg-Straße und eine Clara-Zetkin-Straße.
Der Hammer des Schmiedegotts Hephaistos steht für die Handwerker und die Arbeiterschaft, die Hoffnung der sozialen Bewegung des letzten Jahrhunderts.
Die Sichel ist das Zeichen des Titanen und Erntegottes Kronos. Chronos heißt auch die Zeit, die vorangeht und beschleunigt.
Die Linke wollte die Geschichte beschleunigen und musste einsehen, dass dies nicht so einfach ist. „Es irrt der Mensch, so lang er strebt“, sagt Gott im Faust, und er hat damit nicht nur dich, lieber Gerhard Bialas, gemeint.
Zum zweiten übergeben wir dir eine Kiste Wein von der Roten Kapelle bei Tübingen, die in alten Büchern auch Wurmlinger Kapelle genannt wird.
Dies ist nicht nur eine Anspielung auf ein Schiller-Zitat, auf die „geheime Kapell“ der Verschwörer in Maria Stuart.
Capella hieß auch der rote Soldatenumhang, den Sankt Martin trug und teilte. In kleinen Nebengebäuden der Kirchen wurde diese Capella des Heiligen aufbewahrt. Daraus verselbständigte sich der Begriff Kapelle.
Wie die Umwandlung von Schwertern zu Pflugscharen symbolisiert die Umwandlung des kriegerischen Schwertes des Soldaten Martinus zum Instrument des Teilens, der Capella Rossa, die Themen, die dein Leben geprägt haben. Krieg und Armut, Leidenschaft für den Frieden und eine gerechte Sozialordnung.
Ich glaube, dafür verdienst du nicht nur unseren Dank.
Lieber Gerhard Bialas,
du bist nach dem Krieg, nach der Vertreibung aus deiner schlesischen Heimat, Tübinger geworden.
Die Schuldigen für Krieg, Tod und Vertreibung waren für dich klar:
Schuld waren der deutsche Nationalismus und die Nazis.
Und du hast in Tübingen Gegner der Nazis getroffen. Allesamt Kommunisten.
Den Milchhändler Holder und den Handwerker Offenburger in der Bachgasse, die damals im Volksmund Stalinallee hieß.
Vorbild war für dich Ferdinand Zeeb, der bei der Tübinger Oberbürgermeisterwahl 1948 fast 20 Prozent erreichte, so viel wie der Amtsinhaber aus der SPD.
Ferdinand Zeeb saß schon im KZ, als der Tübinger Gemeinderat am 15. Mai 1933 beschloss: „Juden und Fremdrassigen ist der Zutritt zum städtischen Freibad zu verwehren.“
Eine Woche davor hatte die Tübinger Chronik berichtet: „Die Fraktion, die lediglich der Opposition wegen auf dem Rathaus war, nämlich die kommunistische, ist Gott sei Dank verschwunden. Sie war es, die jedem anständig Denkenden die Freude an der Gemeindepolitik vergällt hat.“
Der SPD ging es nicht lange besser. Am 16.5.1933 steht in der Tübinger Chronik: „Die Zahl der Tübinger Gemeinderatsmitglieder ist abermals um drei verkleinert worden. Die Sozialdemokratische Fraktion ist ... abgetreten. Damit ist das Kollegium jetzt vollständig marxistenrein.“
Lieber Gerhard, du wurdest auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges Nachfolger von Ferdinand Zeeb als KPD-Vorsitzender in Tübingen.
Unter Adenauer wurden mehr Kommunisten eingesperrt, weil sie Flugblätter verteilt haben, als alte Nazis, weil sie Massenmörder waren. Das war eine harte Schule für dich.
Du hast durchgehalten und bekamst 1968 Verstärkung. Seit 1969 kennen wir uns. 1972, als Willy Brandt und die SPD die Berufsverbote erfanden, gründeten wir einen kommunalpolitischen Arbeitskreis. Mit wissenschaftlicher externer Beratung aus dem Ludwig-Uhland-Institut hatten wir dann 1975 Erfolg - mit dem Leitbild „Aktion gläsernes Rathaus – damit man draußen sieht, was drinnen vorgeht“.
Seitdem bist du ununterbrochen Stadtrat. Du hast seither immer zu den Stadträten mit den meisten Stimmen gehört.
Und seitdem ist das Rathaus nicht gerade aus Glas, aber durchsichtiger. Weder du noch wir ließen und lassen uns zu Geheimräten machen.
Die Anerkennung von unten war dir immer mehr wert als Orden und Ehrenzeichen von oben. Doch wenn in Deutschland auch einmal ein Kommunist wie du für seine Lebensleistung ein Bundesverdienstkreuz bekommt, wird unser Land ein normales, liberales, weltoffenes und demokratisches Land sein.
Lieber Gerhard, mit dir geht jetzt auch ein Stück des 20. Jahrhunderts, des „Zeitalters der Extreme“, in den Ruhestand. Wir verabschieden dich mit zwei symbolischen Geschenken.
Zum einen mit einem Banner aus der untergegangenen Sowjetunion. Eine rote Fahne, mit Lenin und viel Hammer und Sichel.
Nur noch im österreichischen Staatswappen findet man Hammer und Sichel. Und während in der ehemaligen DDR ihre Straßennamen getilgt werden, gibt es in Tübingen eine Rosa-Luxemburg-Straße und eine Clara-Zetkin-Straße.
Der Hammer des Schmiedegotts Hephaistos steht für die Handwerker und die Arbeiterschaft, die Hoffnung der sozialen Bewegung des letzten Jahrhunderts.
Die Sichel ist das Zeichen des Titanen und Erntegottes Kronos. Chronos heißt auch die Zeit, die vorangeht und beschleunigt.
Die Linke wollte die Geschichte beschleunigen und musste einsehen, dass dies nicht so einfach ist. „Es irrt der Mensch, so lang er strebt“, sagt Gott im Faust, und er hat damit nicht nur dich, lieber Gerhard Bialas, gemeint.
Zum zweiten übergeben wir dir eine Kiste Wein von der Roten Kapelle bei Tübingen, die in alten Büchern auch Wurmlinger Kapelle genannt wird.
Dies ist nicht nur eine Anspielung auf ein Schiller-Zitat, auf die „geheime Kapell“ der Verschwörer in Maria Stuart.
Capella hieß auch der rote Soldatenumhang, den Sankt Martin trug und teilte. In kleinen Nebengebäuden der Kirchen wurde diese Capella des Heiligen aufbewahrt. Daraus verselbständigte sich der Begriff Kapelle.
Wie die Umwandlung von Schwertern zu Pflugscharen symbolisiert die Umwandlung des kriegerischen Schwertes des Soldaten Martinus zum Instrument des Teilens, der Capella Rossa, die Themen, die dein Leben geprägt haben. Krieg und Armut, Leidenschaft für den Frieden und eine gerechte Sozialordnung.
Ich glaube, dafür verdienst du nicht nur unseren Dank.
frederic - 2005/12/09 12:39
www.solid-sds.de

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