Heike Hänsel (Die Linke) entdeckt die Welt der Abgeordneten

Reutlinger Generalanzeiger - 08.02.2006:

Nach der Wahl (3) - Heike Hänsel (Die Linke) entdeckt die Welt der Abgeordneten und lernt in Berlin »die Kunst der dreifachen Quotierung« kennen

Crashkurs Bundestag

VON JOACHIM KREIBICH

TÜBINGEN. Süßer Senf im Kühlschrank, ein Uralt-Plakat mit dem Slogan »Freiheit oder Sozialismus« im Treppenhaus: Heike Hänsel denkt amüsiert zurück an den Tag, als sie und ihre Fraktionskollegen Einzug hielten in den Berliner Büros und die »Grüße« der Vormieter entdeckten. Typisch CSU, findet die Tübingerin, für die sich mit dem Wahlabend im September einiges geändert hat.

»Die Erststimmen hab' ich mir gar nicht angeguckt«, sagt die 40-Jährige. Als Nummer zwei auf der Linkspartei-Landesliste durfte sie schon vor der Auszählung mit einem Sitz im Bundestag rechnen. 3,3 Prozent Erststimmen, 4,3 bei den Zweitstimmen im Wahlkreis Tübingen - am Wahlabend war dies von untergeordneter Bedeutung. Die Fachfrau für Ernährung empfand viel mehr Genugtuung darüber, dass ihre Liste bundesweit die Grünen überholt hatte: Die Quittung der Wähler für die Haltung der Öko-Partei zu Fragen der Militarisierung und Ent-Solidarisierung, wie sie glaubt.

Berliner Privilegien?

In Berlin gab's erstmal einen »Crashkurs Bundestag« für Heike Hänsel. Was ist wo? Was funktioniert wie? In der Fraktion setzte das Ringen um die Ausschüsse ein, und Heike Hänsel stellte fest, dass bei der Linkspartei »die Kunst der dreifachen Quotierung« gepflegt wird. Bei Posten und Zuständigkeiten spielt nicht nur die Verteilung nach den Mustern Mann und Frau sowie Ost und West eine Rolle, sondern auch nach WASG und PDS. Verständlich, findet Hänsel und sagt: »Wir haben ein Frauenplenum gegründet, denn Frauen müssen sich vieles immer noch erkämpfen.«

Neu war auch die Rolle als Arbeitgeberin. Die Fraktion beschäftigt eine ganze Reihe von Mitarbeitern und Referenten. Hänsel hat sich die Dienste von Alexander King fürs Berliner Büro gesichert, Traudel Horn-Metzger und Frederico Elwing managen, was von Tübingen aus zu erledigen ist.

Mit den »Berliner Privilegien« tut sie sich nach eigener Einschätzung schwer. Mit der Limousine des parlamentarischen Fahrdienstes zum Termin? »Teilweise ist man mit der S-Bahn schneller.« Auch sonst bewegt man sich im Abgeordneten-Haus vornehmlich unterirdisch, hat die Tübingerin beobachtet.

Der Arbeit von Attac und Friedensplenum fühlt sie sich unverändert verpflichtet und stellt fest, dass man in Berlin zu vielen Themen gefragt wird und auch mal Mut zur Lücke haben muss: »Es ist falsch, den Leuten zu suggerieren, man hat auf alles eine Antwort.« (GEA)

Zur Person
Heike Hänsel (40) ist entwicklungspolitische Sprecherin ihrer Fraktion und Mitglied im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie im Unter-Ausschuss Vereinte Nationen. Dazu kommen zwei stellvertretende Mitgliedschaften: Im Auswärtigen Ausschuss und im Ausschuss für Angelegenheiten der Europäischen Union. (GEA)

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