Das wäre einmalig in einer deutschen Stadt - drei Frauen an der Spitze. Tübinger Linke schlägt Uta Schwarz-Österreicher als Erste Bürgermeisterin vor. Triumvirate gibt es genug. Wählen SPD und Grüne trotzdem einen schwarzen Mann?

Geht es nach der vierköpfigen Fraktion der Tübinger Linken folgt auf den von der SPD gestellten Ersten Bürgermeister Gerd Weimer eine Frau, ebenfalls mit SPD-Parteibuch. Im Tübinger Gemeinderat haben Grüne (13), SPD (8) und Linkspartei (4) eine klare Mehrheit im Gemeinderat. Bei Bundestagswahlen erreichen die drei Parteien fast die Zweidrittelmehrheit in der Stadt. Vor 8 Jahren musste sich die SPD noch auf einen Kuhhandel mit der CDU einlassen und zusammen mit der Wahl von Gerd Weimer die Kröte Höschele schlucken.

Schwäbisches Tagblatt - 04.02.2006:

Gordisches Geschnür bei Kandidatenkür

Die Mehrheit im Tübinger Rat gegen Eugen Höschele steht ... bislang ohne eigenen Favoriten da


TÜBINGEN (sep). Selten war das Häuflein der Bewerber so klein, wenn die Stadt Tübingen den zweithöchsten Posten im Rathaus zu vergeben hatte. Und trotzdem scheint für die Fraktionen die Qual der Wahl diesmal größer zu sein als je zuvor. Mit Ausnahme der CDU, die sich von Anfang an geschlossen zu ihrem Parteifreund Eugen Höschele bekannte, hat sich bislang noch keine Gruppierung auf einen der zwanzig Kandidaten festgelegt, die am 20. Februar zur Wahl des Ersten Beigeordneten antreten (siehe das ÜBRIGENS).

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Anstrengende Bürgermeister-Kandidatensuche. Zeichnung: Buchegger




Auf der Suche nach ihren Favoriten befleißigen sich die Stadträte derzeit einer Geheimniskrämerei, die für Tübinger Verhältnisse ziemlich ungewohnt ist. Knapp zwei Wochen vor dem Wahltermin ist noch immer kein einziger Namen aus der Kandidatenliste in die Öffentlichkeit gedrungen. Das mag zum Teil daran liegen, dass sich die Bewerber bislang allesamt nicht aus der Deckung trauen und sich deshalb strikte Vertraulichkeit ausgebeten haben. Vor allem aber dürfte die Funkstille darauf zurückzuführen sein, dass die Fraktionen schlicht nicht wissen, wen sie aufs Schild heben sollen.

Nur noch Außenseiterchance

Allein die CDU, die nach wie vor treu und geschlossen zu Eugen Höschele hält, hat dieses Problem nicht, aber dafür ein anderes: Ihr Wunschkandidat, der noch bis zum 17. Mai amtierende Wirtschaftsbürgermeister, hat im Kampf um die Gunst einer wie auch immer kombinierten Ratsmehrheit mittlerweile allenfalls noch eine minimale Außenseiterchance. Nach unseren Informationen darf Höschele nur mit den neun Stimmen der CDU und mit zwei bis drei weiteren Stimmen aus der vereinigten UFW/WUT-Fraktion rechnen – von Stadträten, so war zu hören, die sich ihm aus verschiedenen Gründen persönlich verbunden fühlen.

Zwar hält man den 53-jährigen Beigeordneten, den die CDU vor acht Jahren von Heilbronn nach Tübingen holte, in der UFW/WUT überwiegend für einen „lieben Kerl“, einen „guten Kameraden“ und „aufrichtig bemühten Mann“, aber spätestens nach seinem letzten Vorstellungsgespräch wandte sich die große Mehrheit der Fraktion wohl endgültig von dem CDU-Kandidaten ab. Für diese Runde hatte sich Höschele („Ich werfe nicht vorzeitig das Handtuch, ich werde kämpfen bis zum 20. Februar“) mit einem Stapel vollgeschriebener Karteikärtchen präpariert. Und wie bei seinen Sondierungsgesprächen in anderen Fraktionen, kramte er auf Zuruf das zum jeweiligen Stichwort passende Kärtchen heraus und las es vor.

Pickel auf der Zunge

Hinterher war Gottfried Gehr klar: „Wenn man Tübingen voranbringen will, darf man den nicht noch mal wählen; er wäre in der Position und mit der Aufgabenfülle des Ersten Bürgermeisters eindeutig überfordert.“ Auf solche Offenheit stößt man derzeit selten in der UFW/WUT. Gehrs Kollege Ulf Siebert beispielsweise hatte die letzten Tage „so einen dicken Pickel auf der Zunge“, dass er „leider rein gar nix“ sagen konnte zum internen Abstimmungsprozess in seiner Fraktion.

Deren Chef Kurt Friesch leidet spürbar darunter, „dass wir wohl zu keiner einheitlichen Linie finden werden“. Für ihn vor allem deshalb „jammerschade“, weil die parteiunabhängige Bürgerfraktion diesmal endlich eine gute Chance gehabt hätte, einen eigenen Kandidaten in die Verwaltungsspitze zu lotsen. Jedenfalls hatten die übrigen Gruppierungen der elfköpfigen UFW/WUT-Riege frühzeitig signalisiert, dass sie ihr das Vorschlagsrecht überließen.

Um sich trotz des Zwiespalts in den eigenen Reihen einen möglichst großen Einfluss auf die anstehende Personalentscheidung zu sichern, bemühte sich Friesch, die Höschele-Gegner in seiner Fraktion auf einen gemeinsamen Kurs einzuschwören: Wenn es denn der CDU-Mann nicht sein soll, dann will die UFW/WUT bei den anderen Fraktionen mit möglichst großem Gewicht auf einen Kandidaten pochen, „der auf unserer Linie liegt“.

Bloß nicht den Falschen

Der wurde allerdings auch beim jüngsten Anlauf nicht gefunden. Am Donnerstagabend konnte sich die Fraktionsmehrheit nicht zwischen zwei Höschele-Alternativen entscheiden. Weswegen man jetzt mit beiden Kandidaten in die Verhandlungen mit AL/Grüne, SPD und FDP ziehen wird – und das mit nur mäßigem Optimismus. Laut Friesch ist es jedenfalls „keineswegs sicher, dass wir schon am 20. Februar einen neuen Bürgermeister bekommen.“

Auch die übrigen Gruppierungen im Rat haben ihre liebe Not bei den angestrengten Bemühungen, einen mehrheitsfähigen Gegenkandidaten gegen Höschele aufzubauen und dabei keinen Fehlgriff zu riskieren. Unter den Bewerbern scheint niemand zu sein, den man gut genug kennt, um ihn auf Anhieb zu favorisieren. 18 der 20 Kandidaten kommen von weit her, von Bremen, Brandenburg oder Bayern – nur zwei haben einen Bezug zu Tübingen vorzuweisen.

Ein einziger Tübinger

Bei einem davon handelt es sich um den Sohn eines früheren CDU-Stadtrats, der aufgrund seiner beruflichen Qualifikation aber wohl kaum in das Anforderungsprofil des Gemeinderats passt. Der andere, so heißt es, wohnt in Tübingen und arbeitet im Stuttgarter Wirtschaftsministerium. Letzteren hätte eine ganze Reihe von Stadträten wohl gern in die engere Wahl genommen, nachdem er sich bei den ersten Vorstellungsrunden „hervorragend präsentiert“ hatte. Inzwischen hat die Begeisterung jedoch stark nachgelassen, da er – wie man übereinstimmend aus verschiedenen Fraktionen hört – bei einem weiteren Gespräch eher „nervös und zerfahren“ wirkte, mithin „alles andere als souverän“.

Um so genauer wurden zuletzt die auswärtigen Bewerber unter die Lupe genommen. Dabei haben sich laut Erika Braungardt-Friedrichs von der SPD „schon zwei oder drei Kandidaten herauskristallisiert, über die intensiver zu reden sein wird“, ihren Favoriten hat aber noch keine Fraktion ausgerufen. Das hätte für Helga Vogel von den Grünalternativen auch gar keinen Sinn: „Wer sich jetzt festlegt, ohne seinen Vorschlag mit den anderen Gruppierungen abzustimmen, der katapultiert sich und seinen Kandidaten raus.“ Deswegen haben sich die Grünalternativen bei ihrem jüngsten Treffen am Donnerstagabend damit begnügt, eine lediglich alphabetisch sortierte Ranking-Liste mit fünf Namen zusammenzustellen, über die man nun in den interfraktionellen Verhandlungen diskutieren möchte.

Rote Karte für Genossen

Die SPD war zwischendurch einen Schritt weiter: „Wir hatten schon unseren Mann“, bestätigt Braungardt-Friedrichs, „einen erfahrenen Dezernenten aus einer Stadt außerhalb von Baden-Württemberg“. Mit diesem Favoriten machten die Sozis selbst bei den Stadträten von UFW/WUT Punkte. Gottfried Gehr jedenfalls hat er „ganz gut gefallen“. Doch dann, so Braungardt-Friedrichs, „stellte sich leider heraus, dass besagter Herr ein Genosse ist – das ist in diesem Fall richtig schad.“ Denn prompt zog Kurt Friesch die rote Karte: Ein Bürgermeiser mit SPD-Parteibuch, erklärte der UFW/WUT-Sprecher seinen Kollegen, könne man der eigenen Klientel unter keinen Umständen zumuten.

Auch bei der TÜLL ist man noch immer unschlüssig, wer den Posten bekommen soll. Laut Anton Brenner hat sich die vierköpfige Fraktion bisher für keinen der Kandidaten so richtig erwärmen können: „Die Begeisterung für das gesamte Tableau inklusive Höschele hält sich bei uns in sehr engen Grenzen.“ Die Auswahl sei zwar „auch nicht so, dass man gleich das Grausen kriegen muss“, biete aber keine sichere Gewähr gegen das Risiko, „dass man sich ein faules Ei einkauft“.

Zurück zum Bewährten?

Deshalb wäre es dem TÜLL-Fraktionschef gar nicht unrecht, wenn sich bis zum 20. Februar noch der eine oder andere Bewerber melden würde. Dabei denkt er insbesondere an Uta Schwarz-Österreicher, die Fachbereichsleiterin für Soziales, Schule und Sport im Tübinger Rathaus: „Wir sind zwar keine großen Fans von ihr, aber die würde den Job auf jeden Fall besser machen als alle anderen Kandidaten, die sich bisher vorgestellt haben.“

Brenner ist nicht der Einzige, der neue Namen ins Spiel bringt. Angesichts des schwer entwirrbaren Personalfindungsknotens erinnert sich jetzt mancher Stadtrat mit Wehmut an den einstigen Tübinger Kämmerer Michael Lucke, der bei der Bürgermeisterwahl vor acht Jahren für den parteiproporz-gerechten Doppelpack Weimer-Höschele geopfert wurde. „Traurig, dass wir den weggeschickt haben“, findet Gehr, „das war ein Riesenfehler.“

Fragt sich nur, wer fragt

Dazu sagt Erika Braungardt-Friedrichs nichts, bekennt aber unumwunden: „Ich könnte sofort mit Lucke.“ Ihr Problem dabei: „Nachdem, was damals gelaufen ist, sind wir die Letzten, die ihn fragen könnten – das müssten schon andere machen.“ Und noch ein Genosse tauchte zuletzt in den Sondierungsgesprächen wieder auf. Wenn gar nichts geht, so meinten etliche Stadträte, dann könnte man doch Gerd Weimer fragen, ob er noch ein paar Jahre dranhängt. Auch diese Option würde, „wenn es darum geht, Höschele zu verhindern“, laut Braungardt-Friedrichs nicht am Widerstand der SPD scheitern: „Ausgerechnet wir werden doch nicht nein sagen, wenn man uns einen Genossen anträgt.“


Schwäbisches Tagblatt - 04.02.2006:

Kein Heimweh

Finale und andere An- und Absagen


TÜBINGEN (sep). Während die zwanzig Bürgermeister-Kandidaten, die selber ihren Hut in den Ring geworfen haben, bisher (mit Ausnahme von Höschele) strikt unter Verschluss gehalten werden, spekuliert man in den Ratsfraktionen neuerdings ziemlich unverhohlen über ganz andere Namen. Weil es durchaus möglich ist, dass bis zum 20. Februar noch weitere Bewerber ins Rennen gehen oder geschickt werden, haben wir bei den genannten Personen nachgefragt, ob sie dazu bereit wären. Hier ihre Antworten:

Gerd Weimer: „Ich kann bestätigen, dass in letzter Zeit einige Stadträte auf mich zugekommen sind. Deshalb meine finale Ansage: Da gibt es nichts mehr zu überlegen, meine Entscheidung steht fest. Ich werde nach Ablauf meiner Amtszeit am 3. Mai aus den Diensten der Stadt ausscheiden – definitiv.“

Uta Schwarz-Österreicher: „Absolut kein Kommentar – mehr habe ich dazu im Moment nicht zu sagen.“

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