Vier linke Stimmen für Michael Lucke, den weißen Ritter aus Metzingen. Uta Schwarz-Österreicher fiel "Stutenbiss" von Brigitte Russ-Scherer zum Opfer.

Mittwochspalte von Stadtrat Bernd Melchert (Tübinger Linke). Schwäbisches Tagblatt 05.04.06

bernd_melchertDas war fein ausgedacht. Die Oberbürgermeisterin umgurrte den UFW-WUT-Fraktionsvorsitzenden Friesch und wollte mit einem bürgerlich-konservativen Ersten Bürgermeister ihre Wiederwahl am 22. Oktober absichern. Sie drängte, nicht nur unserer Meinung nach, Gerd Weimer zum Verzicht auf eine Kandidatur, da sie ihre Chancen bei einer SPD-Doppelspitze im Rathaus beeinträchtigt sah.

Die SPD-Fraktion musste Gerd Weimer in den Rücken fallen, setzte aber immerhin durch, dass dann auch Höschele weg vom Fenster sein sollte. Doch Höschele blieb bockig und ließ sich weder von Brigitte Russ-Scherer noch aus der CDU zu einem Kandidaturverzicht bewegen. In der UFW-WUT-Fraktion krachte es mächtig, Stadtrat Bosch platzte wegen des DutziDutzi-Kurses mit der OB der Kragen und Kurt Friesch ist dann aus dem Gemeinderat ausgeschieden.

Ein Höhepunkt war dann die Vorstellung der Kandidaten für den Ersten Bürgermeister. Eine Geisterbahn ist harmlos dagegen. Fast bei jedem Kandidaten war klar, dass zu Hause die Musikkapelle spielt, wenn man ihn los wird. Um das Chaos perfekt zu machen, brach die Verwaltungsspitze die Zusage für einige Kandidaten, ihre Bewerbung vertraulich zu behandeln, und gab jedermann eine Laufliste mit allen Namen an die Hand. Als das Wochenblatt am Schmotzigen Donnerstag einen bösen Faschingsscherz publizierte, versuchte die Oberbürgermeisterin in einer als Ältestenratssitzung getarnten Heuchelorgie, meinem Kollegen Anton Brenner die Schuld an allem in die Schuhe zu schieben.

Wir sagten von vornherein: Warum wählen wir nicht die allseits als hochqualifiziert eingeschätzte Leiterin des Bereichs Familie, Schule, Sport und Soziales, Frau Schwarz-Österreicher? SPD-Parteibuch hin oder her. Da haben wir aber offensichtlich die Stutenbissigkeit der Oberbürgermeisterin unter- und die Anständigkeit von SPD-, AL- und FDP-Fraktion überschätzt. So soll es nun der weiße Ritter Michael Lucke aus Metzingen werden. Auch er ein hochqualifierter Mann mit SPD-Parteibuch, wir hatten Gelegenheit, ihn in angeregter und geselliger Runde kennenzulernen. Unsere vier Stimmen hat er, und damit ist die Wahl am nächsten Montag gelaufen.

Offen bleibt das Rennen der Oberbürgermeisterwahl am 22. Oktober. Die SPD gibt auf die Wiederwahl von Brigitte Russ-Scherer keinen Pfifferling mehr. So ist ihr der Spatz in der Hand (ein Erster Bürgermeister mit SPD-Parteibuch) lieber als die in Tübingen so beliebte Taube auf dem Dach.


Artikel von Eckard Ströbel im Schwäbischen Tagblatt vom 05.04.2006:

BM-Wahl: Lucke ist der Favorit

(ec). Der Verwaltungsausschuss hat am Montag in nichtöffentlicher Sitzung Eugen Höschele und Michael Lucke als Kandidaten für die Wahl zum Ersten Bürgermeister vorgeschlagen. Mit der gestrigen Ankündigung der TÜLL/PDS-Fraktion, für Lucke zu stimmen, sind Höscheles Wiederwahl-Chancen stark gesunken. Die Entscheidung trifft der Gemeinderat am kommenden Montag in geheimer Wahl.

Eine Viertelstunde haben die Kandidaten am Montag (Beginn der öffentlichen Sitzung im Rathaus: 16.15 Uhr) Gelegenheit, sich im Plenum vorzustellen. Danach können Fragen an sie gerichtet werden. Bei der folgenden geheimen Wahl ist im ersten Wahlgang die Mehrheit der anwesenden Ratsmitglieder (zu denen auch die OB zählt) erforderlich.

Erreicht kein Kandidat diese Marke, kommt es zu einem zweiten Wahlgang, in dem die einfache Mehrheit genügt. Nach Auskunft des Fachbereichsleiters Interne Dienste, Jochen Großhans, beschloss der Ausschuss seinen Wahlvorschlag „einmütig“. Weitere Vorschläge habe es nicht gegeben.

Höschele kann bisher nur auf die Unterstützung von etwa 13 Stadträten von CDU- und UFW zählen. Für Lucke wollen AL/Grüne, SPD und FDP und TÜLL/PDS stimmen (siehe „Mittwochspalte“ Seite 24) – rechnerisch die klare absolute Mehrheit.

Hier die beiden Finalisten:

Eugen Höschele (CDU) wurde im Herbst 1997 mit den Stimmen von CDU, SPD und UFW zum Tübinger Finanz- und Wirtschaftsbürgermeister gewählt. Die Laufbahn des 53-jährigen Diplomverwaltungswirts begann 1975 im Stuttgarter Amt für Stadterneuerung. 1990 wechselte er nach Heilbronn als Leiter des dortigen Amtes für Liegenschaften und Wirtschaftsförderung. In den Folgejahren misslang ihm zwei Mal der Karrieresprung auf eine Bürgermeister- und einmal auf eine Oberbürgermeisterstelle.

Michael Lucke (SPD) ist seit 2001 Erster Beigeordneter der Stadt Metzingen. Der 50-jährige Betriebs- und Diplomverwaltungswirt gehörte von 1976 bis 1998 der Tübinger Stadtverwaltung an, zuletzt als Stadtkämmerer und Leiter der Projektgruppe Verwaltungsreform. Nachdem er gegen Höschele unterlag, wechselte er 1998 als Fachbereichsleiter für Finanzen und Betriebe nach Singen. Bei der Wahl zum Reutlinger Finanzbürgermeister hatte er 2000 gegen den späteren Reutlinger Landrat Thomas Reumann verloren.

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