Russ-Scherer gesteht einzigen Fehler ihrer Amtszeit ein: Er heißt Anton Brenner
Ganze zwanzig Leute interessierten sich für den Auftritt von Brigitte Russ-Scherer bei ihrem Wohlfühl-Zahnarzt Dietmar Schöning (FDP). Da brachte der Kandidat Stemmler, Kripochef und gelernter verdeckter Ermittler, mehr Neugierige in den Altstadt-Besen in die Haaggasse.
In der FDP-Landtagsfraktion wird gewitzelt, wenn ihr Parlamentarischer Berater Schöning ans Telefon muss: Ist es seine Herrin und Meisterin Russ-Scherer? Er ist ihr ideeller Gesamtfraktionsvorsitzender im Gemeinderat, da in der SPD-Fraktion niemand auf Drei zählen kann. Deshalb flatiert sie ihm ebenso, wie sie anderen betagten Stadträten über den Rücken streichelt. Die gehen dann barfuß ins Bett. Hier der Höflings-Artikel über die FDP-Freundschaftsveranstaltung:
Schwäbisches Tagblatt, 16.09.2006:
Tübinger Verhältnisse lehren Gelassenheit
Oberbürgermeisterin Brigitte Russ-Scherer ließ sich von der FDP schmerzfrei auf den Zahn fühlen
TÜBINGEN (gor). Vorsichtige Beschreibungen der Lage, aber kaum Visionen und konkrete Vorschläge habe er von Brigitte Russ-Scherer gehört, bilanzierte der FDP-Kreisvorsitzende Timo Herrmann. Rund 20 Besucher verfolgten am Donnerstagabend im Hotel Stadt Tübingen ein kommunalpolitisches Gespräch unter weitgehend Gleichgesinnten, zu dem sich die FDP die Oberbürgermeisterin eingeladen hatte.
Kompetent in der Sache, entscheidungsfreudig und durchsetzungsstark im Führungsstil und sich selbst immer treu geblieben – dieses Bild zeichnete die Oberbürgermeisterin von sich bei ihrem Auftritt vor FDP-Parteimitgliedern und einigen wenigen Gästen. „Auf den Zahn gefühlt“ heißt die Veranstaltungsreihe des FDP-Kreisverbands, die politische Dentalbehandlung blieb allerdings weitgehend schmerzfrei. Die Stichworte lieferten die stellvertretende Kreisvorsitzende Martina Wulfmeyer und Stadtrat Dietmar Schöning.
„Das Ringen um Mehrheiten ist in Tübingen etwas ganz Besonderes“, betonte die Amtsinhaberin. Oft sei man sich im Gemeinderat in der Zielsetzung einig, „aber im Entscheidungsprozess zerfließt und zerbröckelt eine anfängliche Mehrheit häufig“. Als Beispiele nannte sie den Bau der Großsporthalle oder die Verwertung des Depot-Geländes: „Jeder will es, aber man scheitert beinahe bei der Ausführung.“ Für das OB-Amt in Tübingen brauche es daher Management-Erfahrungen und „mehr als nur eine politische Prägung“, gönnte sich Russ-Scherer einen Seitenhieb auf Mitbewerber Boris Palmer.
Immer wieder betonte Russ-Scherer ihre persönliche Integrität, zu deren Gunsten sie notfalls sogar auf eine Wiederwahl verzichten würde. Gelernt habe sie in ihrer bisherigen Amtszeit, dass in der Kommunalpolitik die Dinge etwas mehr Zeit bräuchten, als sie es aus der Wirtschaft gewohnt gewesen sei: „Ich konnte es anfangs gar nicht fassen, wie man so langsam sein kann“, schilderte sie erste Erfahrungen mit dem Gemeinderat. Auf die Frage von Timo Herrmann, was sie rückblickend anders machen würde, fiel der Oberbürgermeisterin aber nur ein Punkt ein: „Ich würde mich heute nicht mehr so provozieren lassen von einem Anton Brenner.“
Für die Entwicklung städtischer Brachen möchte die OB auch künftig auf die städtische Entwicklungsgesellschaft WIT setzen, um „Planungsgewinne nicht den Grundstückseigentümern und Investoren allein zu überlassen“. Die Entwicklung des Mühlenviertels bezeichnete sie als modellhaft. Zum Problem des innerstädtischen Handels meinte Russ-Scherer, dass sich die alte Beschlusslage für den Europaplatz nicht werde halten lassen, die einem Investor die Finanzierung einer Tiefgarage vorschreibe. Allerdings befinde sich die Stadt im Gespräch mit dem Land über eine Einbeziehung des bisherigen Gesundheitsamtes sowie des staatlichen Vermessungsamtes in eine größere Gesamtlösung. Die städtische Finanzlage schätzt Russ-Scherer als kommunalpolitisch irreparabel ein: „Als Stadt sind wir letztendlich nicht in der Lage, die strukturellen Probleme wirklich zu lösen“, bekannte sie.
In der anschließenden Publikumsrunde antwortete sie auf eine Frage nach Kritik an ihrem Führungsstil, dass „erfolgreiche Frauen in Führungspositionen“ häufig dem Vorwurf mangelnder Teamfähigkeit ausgesetzt seien. Anders als das in der Öffentlichkeit entstandene Bild zeichne sich ihre Arbeitsweise durch viel Offenheit und Diskussionsbereitschaft aus. Busfahrer Paul Konrad konfrontierte sie mit Volkes Stimme, wie er sie in Gesprächen mit Fahrgästen wahrgenommen habe: Bei der Hornbach-Affäre und beim Diebstahl im Stadtmuseum habe sie „nicht so geschickt agiert“, und bei der Ruine des gescheiterten Konzerthauses an der Blauen Brücke habe sich in den acht Jahren ihrer Amtszeit ebenfalls nichts getan. Aus Russ-Scherers Sicht typische Fälle von verzerrter Wahrnehmung, wenn die konsequente Aufdeckung von Affären anschließend an ihr als Aufklärerin hängen blieben. Der „Ruine der Hypobank“ werde sie sich verstärkt widmen, sobald die Depot-Planungen abgeschlossen seien, versprach sie. „Mit den einfachen Antworten tut man sich als Amtsinhaberin schwer.“
In der FDP-Landtagsfraktion wird gewitzelt, wenn ihr Parlamentarischer Berater Schöning ans Telefon muss: Ist es seine Herrin und Meisterin Russ-Scherer? Er ist ihr ideeller Gesamtfraktionsvorsitzender im Gemeinderat, da in der SPD-Fraktion niemand auf Drei zählen kann. Deshalb flatiert sie ihm ebenso, wie sie anderen betagten Stadträten über den Rücken streichelt. Die gehen dann barfuß ins Bett. Hier der Höflings-Artikel über die FDP-Freundschaftsveranstaltung:
Schwäbisches Tagblatt, 16.09.2006:
Tübinger Verhältnisse lehren Gelassenheit
Oberbürgermeisterin Brigitte Russ-Scherer ließ sich von der FDP schmerzfrei auf den Zahn fühlen
TÜBINGEN (gor). Vorsichtige Beschreibungen der Lage, aber kaum Visionen und konkrete Vorschläge habe er von Brigitte Russ-Scherer gehört, bilanzierte der FDP-Kreisvorsitzende Timo Herrmann. Rund 20 Besucher verfolgten am Donnerstagabend im Hotel Stadt Tübingen ein kommunalpolitisches Gespräch unter weitgehend Gleichgesinnten, zu dem sich die FDP die Oberbürgermeisterin eingeladen hatte.
Kompetent in der Sache, entscheidungsfreudig und durchsetzungsstark im Führungsstil und sich selbst immer treu geblieben – dieses Bild zeichnete die Oberbürgermeisterin von sich bei ihrem Auftritt vor FDP-Parteimitgliedern und einigen wenigen Gästen. „Auf den Zahn gefühlt“ heißt die Veranstaltungsreihe des FDP-Kreisverbands, die politische Dentalbehandlung blieb allerdings weitgehend schmerzfrei. Die Stichworte lieferten die stellvertretende Kreisvorsitzende Martina Wulfmeyer und Stadtrat Dietmar Schöning.
„Das Ringen um Mehrheiten ist in Tübingen etwas ganz Besonderes“, betonte die Amtsinhaberin. Oft sei man sich im Gemeinderat in der Zielsetzung einig, „aber im Entscheidungsprozess zerfließt und zerbröckelt eine anfängliche Mehrheit häufig“. Als Beispiele nannte sie den Bau der Großsporthalle oder die Verwertung des Depot-Geländes: „Jeder will es, aber man scheitert beinahe bei der Ausführung.“ Für das OB-Amt in Tübingen brauche es daher Management-Erfahrungen und „mehr als nur eine politische Prägung“, gönnte sich Russ-Scherer einen Seitenhieb auf Mitbewerber Boris Palmer.
Immer wieder betonte Russ-Scherer ihre persönliche Integrität, zu deren Gunsten sie notfalls sogar auf eine Wiederwahl verzichten würde. Gelernt habe sie in ihrer bisherigen Amtszeit, dass in der Kommunalpolitik die Dinge etwas mehr Zeit bräuchten, als sie es aus der Wirtschaft gewohnt gewesen sei: „Ich konnte es anfangs gar nicht fassen, wie man so langsam sein kann“, schilderte sie erste Erfahrungen mit dem Gemeinderat. Auf die Frage von Timo Herrmann, was sie rückblickend anders machen würde, fiel der Oberbürgermeisterin aber nur ein Punkt ein: „Ich würde mich heute nicht mehr so provozieren lassen von einem Anton Brenner.“
Für die Entwicklung städtischer Brachen möchte die OB auch künftig auf die städtische Entwicklungsgesellschaft WIT setzen, um „Planungsgewinne nicht den Grundstückseigentümern und Investoren allein zu überlassen“. Die Entwicklung des Mühlenviertels bezeichnete sie als modellhaft. Zum Problem des innerstädtischen Handels meinte Russ-Scherer, dass sich die alte Beschlusslage für den Europaplatz nicht werde halten lassen, die einem Investor die Finanzierung einer Tiefgarage vorschreibe. Allerdings befinde sich die Stadt im Gespräch mit dem Land über eine Einbeziehung des bisherigen Gesundheitsamtes sowie des staatlichen Vermessungsamtes in eine größere Gesamtlösung. Die städtische Finanzlage schätzt Russ-Scherer als kommunalpolitisch irreparabel ein: „Als Stadt sind wir letztendlich nicht in der Lage, die strukturellen Probleme wirklich zu lösen“, bekannte sie.
In der anschließenden Publikumsrunde antwortete sie auf eine Frage nach Kritik an ihrem Führungsstil, dass „erfolgreiche Frauen in Führungspositionen“ häufig dem Vorwurf mangelnder Teamfähigkeit ausgesetzt seien. Anders als das in der Öffentlichkeit entstandene Bild zeichne sich ihre Arbeitsweise durch viel Offenheit und Diskussionsbereitschaft aus. Busfahrer Paul Konrad konfrontierte sie mit Volkes Stimme, wie er sie in Gesprächen mit Fahrgästen wahrgenommen habe: Bei der Hornbach-Affäre und beim Diebstahl im Stadtmuseum habe sie „nicht so geschickt agiert“, und bei der Ruine des gescheiterten Konzerthauses an der Blauen Brücke habe sich in den acht Jahren ihrer Amtszeit ebenfalls nichts getan. Aus Russ-Scherers Sicht typische Fälle von verzerrter Wahrnehmung, wenn die konsequente Aufdeckung von Affären anschließend an ihr als Aufklärerin hängen blieben. Der „Ruine der Hypobank“ werde sie sich verstärkt widmen, sobald die Depot-Planungen abgeschlossen seien, versprach sie. „Mit den einfachen Antworten tut man sich als Amtsinhaberin schwer.“
frederic - 2006/09/24 11:51
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