Tübinger Modellbezirk in der Südstadt sortiert Schüler in bilingual und asozial. Apartheid auf Birkenstocklatschen - Wie sich das alternativ-grüne Milieu von sozialen Brennpunkten abschirmt

Leserbrief im Schwäbischen Tagblatt vom 15. Juni 2007:

Die soziale Sortierung und Entmischung der Kinder in den Grundschulen der Südstadt findet seit Jahren statt. Eltern aus "bildungsnahen Schichten" ziehen ihre Kinder von der Hügelschule ab und schicken sie in die Französische Schule und das Hechinger Eck. Die Übergangsquote in die Hauptschule fiel im Hechinger Eck von 15,3 auf 4,4%, während sie in der Hügelschule von 24,4 auf 33,3 % stieg. Auf der anderen Seite stieg die Übergangsquote in das Gymnasium bei der Französischen Schule und am Hechinger Eck auf über 60%, während sei bei der Hügelschule auf 36% fiel. (Bildungsbericht der Stadt) Wenn der bilinguale Zug in der Hügelstraße nicht das einzige Ziel haben sollte, diese Entmischung auf die Spitze zu treiben, indem die Kinder aus bildungsnahen Schichten dann im bilingualen Zug unter sich sind und die Kinder aus "bildungsfernen Schichten" in der Restklasse konzentriert werden, muss bis zum Start des Schulversuchs in einem Jahr die schleichend eingeführte Apartheid auf Birkenstocklatschen in den grün-alternativen Musterbezirken der Südstadt abgestellt werden.

Boris Palmer sagte, er habe diesen Schulversuch anfangs kritisch gesehen, doch die begeisternde Zustimmung der Schulkonferenz und der Elternschaft habe ihn umgestimmt. Nach meinen Informationen muss man dies kritisch hinterfragen. Sieben der 15 Lehrer wurden danach gebeten, an der Abstimmung in der Schulkonferenz überhaupt nicht teilzunehmen. Die Begründung, gerade an einer sozialen Brennpunktschule müsse so ein Schulversuch gewagt werden, erscheint als perfekte Heuchelei. Nicht Integration ist das Ziel, nicht das Mitziehen der gefährdeten Kinder im Verbund mit den besser gestellten, sondern deren Absonderung. Ein an sich progressiver Unterrichtsversuch wird unternommen, um ein zutiefst reaktionäres Ziel zu erreichen.

Anton Brenner, Stadtrat der Linken

Am 14. Juni berichtete das Schwäbische Tagblatt über das Projekt:

Auch gerechnet wird auf Englisch


Tübinger Gemeinderat stimmte nach heftigem Ringen Schulversuch an der Hügel-Grundschule zu


TÜBINGEN (kai). Die Grundschule an der Hügelstraße wird im Schuljahr 2008/09 mit einem Schulversuch beginnen können. Erstklässler sollen dann in einer bilingualen Klasse Englisch lernen. Das Projekt sorgte am Montag im Gemeinderat für Diskussionen und ging nur knapp durch. 24 Räte und Rätinnen stimmten dafür, zwölf dagegen, zehn enthielten sich.



Das Thema rief ähnliche emotionale Energie hervor wie die aktuelle Debatte um die Hauptschulen. Am Geld kann es nicht gelegen haben. Für Unterrichtsmaterial muss die Stadt einmalig 7000 Euro zahlen. Das Kollegium der Schule und die Schulkonferenz, der auch Eltern angehören, haben im März 2007 beschlossen, den Schulversuch zu beantragen. Er wird nicht, wie erst geplant, schon im Herbst starten, sondern ein Jahr später. Der Schulausschuss des Gemeinderats hat das Projekt mehrheitlich empfohlen.

Vorläufer im Kinderhaus

Ganz unbekannt ist in der Stadt nicht, was die Schule vorhat. Denn schon im Oktober 2006 begann im Kinderhaus Französisches Viertel ein Modellprojekt zur bilingualen Betreuung in Kindertageseinrichtungen. Es wird von Prof. Thorsten Piske von der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd begleitet. Der Wissenschaftler würde die Forschung gern beim Schulversuch fortsetzen. Bei der Debatte am Montag wurden nochmal die gleichen Argumente vorgetragen wie schon im Ausschuss. Etliche Räte hatten ambivalente Gefühle. Grundsätzlich halte die CDU, so Ute Friesch, den bilingualen Unterricht für eine „sinnvolle Sache“, weil deutsche Kinder und Kinder mit Migrationshintergrund vom gleichen Nullpunkt aus starteten. Eine „große Mehrheit der Fraktion werde dennoch dagegen stimmen, weil sie sich um den Erwerb der deutschen Sprache sorgt. Denn „Sprache ist der Schlüssel zur Integration.“

TÜLL-Stadtrat Anton Brenner wollte unter anderemwissen, ob der Schulversuch zur „sozialen Sortierung“ beitrage. In der Sitzungsvorlage stand, dass die Schule durch das Angebot „eine noch höhere Attraktivität für die bildungsorientierten Familien im Loretto-Viertel und dem Französischen Viertel“ erhalte.

Vehement plädierte Andrea Le Lan im Namen der SPD für den Schulversuch. „Es geht nicht um Auslese“, hielt sie Brenner entgegen. Sie erinnerte an die Eltern, die sich für das Projekt stark machten und befürwortete den Versuch gerade an der Hügelschule, weil er den „geistigen, sozialen und kulturellen Horizont erweitert“.

„Die Kinder sollen auch rechnen können“: So formulierte Ulrike Heitkamp (UFW/WUT) einen für ihre Fraktion heiklen Punkt. Weil die sich auch sorgt, dass Kinder mit Migrationshintergrund nicht genügend gefördert werden könnten, stimmte sie mehrheitlich gegen den Versuch. Vergeblich hatte Gertrud Miller Poth (SPD) an die Aussage des Pädagogik-Professors erinnert, dass sich die Deutschkenntnisse der Kinder verbesserten.

Einfach mal versuchen

Ilka Neuenhaus hielt den Kritikern entgegen, dass sie das Thema „in einer Form ideologisieren“, die nicht angemessen sei. Die AL/Grüne-Rätin berief sich auf die Schulverwaltung, die das Projekt „ausdrücklich begrüßt“ habe. „Wenn wir an den alten Bildungsgewohnheiten kleben, verbauen wir neue Wissensoptionen“, plädierte ihr Fraktionskollege Bruno Gebhart-Pietzsch für den Versuch. Weil der Beginn um ein Jahr hinausgeschoben wurde, stellte FDP-Stadtrat Dietmar Schöning seine Bedenken zurück: „Wir sind immer gut beraten, wenn wir dem folgen, was aus den Schulen herauskommt“, sagte er.

„Wir wissen auch nicht, ob im Hochbegabtenzug lauter Hochneurotiker herauskommen“, sprach sich Edeltraud Horn-Metzger dafür aus, es „einfach mal zu versuchen“. Obwohl alle „in einer gewissen Unsicherheit sind“, fand auch OB Boris Palmer, „dass es diesen Versuch Wert ist“ – auch weil er „nicht im Kultusministerium ersonnen und übergestülpt ist“, so der Ex-Landespolitiker. Wie geht es nach der Grundschule weiter? Das konnte Uta Schwarz-Österreicher, die Leiterin des städtischen Schul-Fachbereichs, noch nicht sagen. Allerdings sind sich Schule und Stadt einig, dass bis 2012 weiterführende Schulen von der Hauptschule bis zum Gymnasium gefunden werden müssen, die einen bilingualen Englisch-Zug einrichten.

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