Paul-Horn-Arena. Jagd auf kleine NSdAP-Mitglieder? Große Nazis zieren die Ehrenbürgerliste der Stadt Tübingen
Am 16. Juli 2007 fand eigens eine Sitzung des Ältestenrats im Rathaus statt. Das Schwäbische Tagblatt und einige Fraktionsmitglieder der AL/Grünen hatten Witterung in Sachen Paul Horn aufgenommen.
Nach ihm soll die TüArena heißen, weil mit der Firma Horn endlich ein Sponsor gefunden wurde, was in der Ära Russ-Scherer trotz vollmundiger Versprechen nicht gelungen war. Könnte man nicht etwas in der Vergangenheit von Paul Horn finden? Ein Mann aus dem Jahrgang 1920 könnte doch auch NSDAP-Mitglied gewesen sein. Und tatsächlich. Das Tagblatt und Stadtrat Hölscher (AL/Grüne) wurden fündig. Wenn nicht der CDU-Kreisrat Höschele die Verbindung zum Sponsor hergestellt hätte, sondern ein Alternativer oder Sozialdemokrat, wäre der Jubel groß und die NSDAP-Mitgliedschaft uninteressant gewesen. SPD-Stadträte wollten dem Vernehmen nach im Ernst eine "Russ-Scherer-Arena". Das Tagblatt und Russ-Scherer hatten schon einmal dem Spendenvermittler Höschele einen Strick daraus gedreht, ein Teil der AL-Grünen-Fraktion würde dem Oberbürgermeister Boris Palmer am liebsten Gift geben. Da kam ein schönes Gefahrenpotential zusammen, das Boris Palmer mit der unten zitierten Stellungnahme jedoch ausbremste. Alle Fraktionen stimmten zu, denn OB Palmer hatte auch mit dem Holzpfahl gewunken: "Überrascht habe ich am Samstag aus der Zeitung erfahren, dass Paul Horn im Alter von 19 Jahren in die NSDAP aufgenommen wurde. Es ist nur ein Zufall, dass heute in den Medien auch über die Mitgliedschaft von Menschen wie Erhard Eppler in der NSDAP berichtet wird. Schlaglichtartig zeigt dies aber, dass die Schatten der Vergangenheit sehr weit reichen." So heißt es in der Palmer-Erklärung. Mit Erhard Eppler waren natürlich auch die SPD-Freunde oder -Mitglieder und ehemaligen NSDAP-Genossen Walter Jens, Günter Grass, Martin Walser und Dieter Hildebrand gemeint. Und indirekt auch ein Palmer-Vorgänger, der frühere Oberbürgermeister von Tübingen Hans Gmelin. Der war die Rechte Hand des NS-Statthalters in der Slowakei Hanns Ludin und damit mitverantwortlich, dass 53000 Juden in die Gaskammer geschickt wurden. Statt auf kleine halbwüchsige NSDAP-Mitglieder wie Paul Horn einzuschlagen hätten wir in Tübingen genug zu tun, die Ehrenbürgerliste der Stadt Tübingen zu durchleuchten. Neben Hans Gmelin waren auch Adolf Scheef, Paul Schmitthenner, Theodor Haering und Wilhelm Vetter teilweise prominente Nazis. Das SS-Fördermitglied Nr. 240806 Gebhard Müller und das SS-Mitglied Theodor Eschenburg kann man als Opportunisten und Mitläufer durchgehen lassen, ebenso wie Walter Jens und Kurt-Georg Kiesinger.
Ich erklärte für die Fraktion der Linken im Ältestenrat, ich wolle keine Jagd auf die Kleinen, während man die Großen laufen lässt und weiter glorifiziert. Ich stünde voll hinter der Erklärung des Oberbürgermeisters. Wer die Nazi-Vergangenheit aufarbeiten wolle, solle sich die Ehrenbürgerliste mit fünf prominenten Nazis und weiteren vier prominenten Mitläufern vornehmen. Ich könne dem Gemeinderat einige Tübinger mit Namen nennen, die sich der Gleichschaltung entzogen haben und die Widerstand geleistet hätten. Keiner davon sei bisher in Tübingen öffentlich geehrt worden. Dabei sei es höchste Zeit dafür.
Das stieß beim Oberbürgermeister auf Interesse, denn dieser hatte in seiner Erklärung formuliert: "Paul Horn gehörte jener Generation an, von der sich nur die allerwenigsten der Gleichschaltung sämtlicher Lebensbereiche bis hin zum Vereinsleben entzogen haben."
Anton Brenner, Stadtrat der Linken
Erklärung des Oberbürgermeisters Boris Palmer zum Namenssponsoring der TÜ-Arena
16.07.2007
Durch Recherchen des Schwäbischen Tagblatt wurde am Wochenende bekannt, dass der Gründer der Paul Horn GmbH mit 19 Jahren Mitglied der NDSAP geworden war. Der Oberbürgermeister hat daraufhin am heutigen Montag, 16 Juli 2007, eine Sitzung des Ältestenrats anberaumt. In Abstimmung mit den Fraktionen des Gemeinderats erklärt der Oberbürgermeister sein Vorgehen:
„Überrascht habe ich am Samstag aus der Zeitung erfahren, dass Paul Horn im Alter von 19 Jahren in die NSDAP aufgenommen wurde. Es ist nur ein Zufall, dass heute in den Medien auch über die Mitgliedschaft von Menschen wie Erhard Eppler in der NSDAP berichtet wird. Schlaglichtartig zeigt dies aber, dass die Schatten der Vergangenheit sehr weit reichen.
Ich entschuldige mich bei den Mitarbeitern der Paul Horn GmbH und der Familie Horn, weil ich nicht den notwendigen Weitblick hatte, die Frage der Mitgliedschaft von Paul Horn in NS-Organisationen im Vorfeld durch die Stadtverwaltung klären zu lassen. Das hätte ihnen und der Stadt den Eindruck erspart, als solle hier etwas vertuscht werden. Das ist nicht der Fall.
Sowohl die Familie Horn als auch die Stadtverwaltung wurden von der Nachricht, dass Paul Horn 1939 Mitglied der NSDAP geworden sei, überrascht. Mein persönlicher Kontakt zum Geschäftsführer Lothar Horn ist von einem Vertrauensverhältnis geprägt, das mir Nachforschungen für nicht geboten erscheinen ließ. Ich respektiere nach wie vor, dass die Familie Horn von schwäbischer Zurückhaltung geprägt ist, wie man sie bei vielen hiesigen Mittelständlern findet. Dies ist der einzige Grund, warum die Stadtverwaltung keine Informationen über das Leben von Paul Horn an die Öffentlichkeit gegeben hat.
Die Fraktionen des Gemeinderats sind mit mir darin einig, dass allein die Aufnahme in die NSDAP kein Grund ist, den Namen Paul Horn in ein schlechtes Licht zu rücken.
Paul Horn gehörte jener Generation an, von der sich nur die allerwenigsten der Gleichschaltung sämtlicher Lebensbereiche bis hin zum Vereinsleben entzogen haben. Er hat seine besten Jahre im Krieg in Russland, im Kessel von Stalingrad, im Lazarett und in russischer Kriegsgefangenschaft verbracht. Damit hat auch ihn das Unglück getroffen, das die Nazibarbarei von Deutschland aus über Europa gebracht hat. Anhaltspunkte für eine Täterschaft Paul Horns im Naziregime gibt es nicht.
Es ist das Verdienst der Alliierten, dass sie den Deutschen die Chance gegeben haben, ihr Land nach dem Krieg wieder neu aufzubauen. Paul Horn hat sie in vorbildlicher Weise genutzt. Als Kaufmann und Unternehmer hat er ein Vorzeigeunternehmen aufgebaut, das heute mit Spitzentechnik zu den größten gewerblichen Arbeitgebern in Tübingen gehört und durch seine Gewerbesteuerzahlungen zu den wichtigsten Trägern des städtischen Haushalts.
Lothar Horn ist als Geschäftsführer bereit, einen auf 20 Jahre befristeten Sponsoring-Vertrag über die Namensgebung der Sporthalle Europastraße abzuschließen und der Stadt dafür eine Million Euro für den Tübinger Sport zur Verfügung zu stellen. Die Halle wird damit sowohl nach einem vorbildlichen Tübinger Unternehmen als auch nach dessen Gründer benannt.
Die Deutsche Geschichte anzunehmen, heißt nicht, den Mantel des Schweigens über die NS-Zeit zu decken. Wir dürfen auf die Leistungen des Unternehmers Paul Horn mit der Benennung einer Sporthalle aufmerksam machen, obwohl er in der NS-Zeit aufgewachsen ist und Mitglied der NSDAP wurde, weil er an der Nazibarbarei keinen über die Kollektivschuld des deutschen Volkes hinausgehenden Anteil hatte und sich in der Bundesrepublik große Verdienste erworben hat. Wir dürfen die Sporthalle nach einem der erfolgreichsten und gesellschaftlich in vorbildlicher Weise engagierten Tübinger Unternehmen benennen.
Als Oberbürgermeister bitte ich die Öffentlichkeit um Entschuldigung für die von mir zu verantwortenden Fehler in der Vorbereitung des Namenssponsorings der Tü-Arena. Ich schätze weiterhin das einmalig finanzielle Engagement der Familie Horn zu Gunsten der Allgemeinheit und hoffe, dass wir ungerechte und zerrüttende Debatten, die der positiven Sache nur Schaden würden, vermeiden können.“
(Text: Pressestelle der Universitätsstadt Tübingen)
Nach ihm soll die TüArena heißen, weil mit der Firma Horn endlich ein Sponsor gefunden wurde, was in der Ära Russ-Scherer trotz vollmundiger Versprechen nicht gelungen war. Könnte man nicht etwas in der Vergangenheit von Paul Horn finden? Ein Mann aus dem Jahrgang 1920 könnte doch auch NSDAP-Mitglied gewesen sein. Und tatsächlich. Das Tagblatt und Stadtrat Hölscher (AL/Grüne) wurden fündig. Wenn nicht der CDU-Kreisrat Höschele die Verbindung zum Sponsor hergestellt hätte, sondern ein Alternativer oder Sozialdemokrat, wäre der Jubel groß und die NSDAP-Mitgliedschaft uninteressant gewesen. SPD-Stadträte wollten dem Vernehmen nach im Ernst eine "Russ-Scherer-Arena". Das Tagblatt und Russ-Scherer hatten schon einmal dem Spendenvermittler Höschele einen Strick daraus gedreht, ein Teil der AL-Grünen-Fraktion würde dem Oberbürgermeister Boris Palmer am liebsten Gift geben. Da kam ein schönes Gefahrenpotential zusammen, das Boris Palmer mit der unten zitierten Stellungnahme jedoch ausbremste. Alle Fraktionen stimmten zu, denn OB Palmer hatte auch mit dem Holzpfahl gewunken: "Überrascht habe ich am Samstag aus der Zeitung erfahren, dass Paul Horn im Alter von 19 Jahren in die NSDAP aufgenommen wurde. Es ist nur ein Zufall, dass heute in den Medien auch über die Mitgliedschaft von Menschen wie Erhard Eppler in der NSDAP berichtet wird. Schlaglichtartig zeigt dies aber, dass die Schatten der Vergangenheit sehr weit reichen." So heißt es in der Palmer-Erklärung. Mit Erhard Eppler waren natürlich auch die SPD-Freunde oder -Mitglieder und ehemaligen NSDAP-Genossen Walter Jens, Günter Grass, Martin Walser und Dieter Hildebrand gemeint. Und indirekt auch ein Palmer-Vorgänger, der frühere Oberbürgermeister von Tübingen Hans Gmelin. Der war die Rechte Hand des NS-Statthalters in der Slowakei Hanns Ludin und damit mitverantwortlich, dass 53000 Juden in die Gaskammer geschickt wurden. Statt auf kleine halbwüchsige NSDAP-Mitglieder wie Paul Horn einzuschlagen hätten wir in Tübingen genug zu tun, die Ehrenbürgerliste der Stadt Tübingen zu durchleuchten. Neben Hans Gmelin waren auch Adolf Scheef, Paul Schmitthenner, Theodor Haering und Wilhelm Vetter teilweise prominente Nazis. Das SS-Fördermitglied Nr. 240806 Gebhard Müller und das SS-Mitglied Theodor Eschenburg kann man als Opportunisten und Mitläufer durchgehen lassen, ebenso wie Walter Jens und Kurt-Georg Kiesinger.
Ich erklärte für die Fraktion der Linken im Ältestenrat, ich wolle keine Jagd auf die Kleinen, während man die Großen laufen lässt und weiter glorifiziert. Ich stünde voll hinter der Erklärung des Oberbürgermeisters. Wer die Nazi-Vergangenheit aufarbeiten wolle, solle sich die Ehrenbürgerliste mit fünf prominenten Nazis und weiteren vier prominenten Mitläufern vornehmen. Ich könne dem Gemeinderat einige Tübinger mit Namen nennen, die sich der Gleichschaltung entzogen haben und die Widerstand geleistet hätten. Keiner davon sei bisher in Tübingen öffentlich geehrt worden. Dabei sei es höchste Zeit dafür.
Das stieß beim Oberbürgermeister auf Interesse, denn dieser hatte in seiner Erklärung formuliert: "Paul Horn gehörte jener Generation an, von der sich nur die allerwenigsten der Gleichschaltung sämtlicher Lebensbereiche bis hin zum Vereinsleben entzogen haben."
Anton Brenner, Stadtrat der Linken
Erklärung des Oberbürgermeisters Boris Palmer zum Namenssponsoring der TÜ-Arena
16.07.2007
Durch Recherchen des Schwäbischen Tagblatt wurde am Wochenende bekannt, dass der Gründer der Paul Horn GmbH mit 19 Jahren Mitglied der NDSAP geworden war. Der Oberbürgermeister hat daraufhin am heutigen Montag, 16 Juli 2007, eine Sitzung des Ältestenrats anberaumt. In Abstimmung mit den Fraktionen des Gemeinderats erklärt der Oberbürgermeister sein Vorgehen:
„Überrascht habe ich am Samstag aus der Zeitung erfahren, dass Paul Horn im Alter von 19 Jahren in die NSDAP aufgenommen wurde. Es ist nur ein Zufall, dass heute in den Medien auch über die Mitgliedschaft von Menschen wie Erhard Eppler in der NSDAP berichtet wird. Schlaglichtartig zeigt dies aber, dass die Schatten der Vergangenheit sehr weit reichen.
Ich entschuldige mich bei den Mitarbeitern der Paul Horn GmbH und der Familie Horn, weil ich nicht den notwendigen Weitblick hatte, die Frage der Mitgliedschaft von Paul Horn in NS-Organisationen im Vorfeld durch die Stadtverwaltung klären zu lassen. Das hätte ihnen und der Stadt den Eindruck erspart, als solle hier etwas vertuscht werden. Das ist nicht der Fall.
Sowohl die Familie Horn als auch die Stadtverwaltung wurden von der Nachricht, dass Paul Horn 1939 Mitglied der NSDAP geworden sei, überrascht. Mein persönlicher Kontakt zum Geschäftsführer Lothar Horn ist von einem Vertrauensverhältnis geprägt, das mir Nachforschungen für nicht geboten erscheinen ließ. Ich respektiere nach wie vor, dass die Familie Horn von schwäbischer Zurückhaltung geprägt ist, wie man sie bei vielen hiesigen Mittelständlern findet. Dies ist der einzige Grund, warum die Stadtverwaltung keine Informationen über das Leben von Paul Horn an die Öffentlichkeit gegeben hat.
Die Fraktionen des Gemeinderats sind mit mir darin einig, dass allein die Aufnahme in die NSDAP kein Grund ist, den Namen Paul Horn in ein schlechtes Licht zu rücken.
Paul Horn gehörte jener Generation an, von der sich nur die allerwenigsten der Gleichschaltung sämtlicher Lebensbereiche bis hin zum Vereinsleben entzogen haben. Er hat seine besten Jahre im Krieg in Russland, im Kessel von Stalingrad, im Lazarett und in russischer Kriegsgefangenschaft verbracht. Damit hat auch ihn das Unglück getroffen, das die Nazibarbarei von Deutschland aus über Europa gebracht hat. Anhaltspunkte für eine Täterschaft Paul Horns im Naziregime gibt es nicht.
Es ist das Verdienst der Alliierten, dass sie den Deutschen die Chance gegeben haben, ihr Land nach dem Krieg wieder neu aufzubauen. Paul Horn hat sie in vorbildlicher Weise genutzt. Als Kaufmann und Unternehmer hat er ein Vorzeigeunternehmen aufgebaut, das heute mit Spitzentechnik zu den größten gewerblichen Arbeitgebern in Tübingen gehört und durch seine Gewerbesteuerzahlungen zu den wichtigsten Trägern des städtischen Haushalts.
Lothar Horn ist als Geschäftsführer bereit, einen auf 20 Jahre befristeten Sponsoring-Vertrag über die Namensgebung der Sporthalle Europastraße abzuschließen und der Stadt dafür eine Million Euro für den Tübinger Sport zur Verfügung zu stellen. Die Halle wird damit sowohl nach einem vorbildlichen Tübinger Unternehmen als auch nach dessen Gründer benannt.
Die Deutsche Geschichte anzunehmen, heißt nicht, den Mantel des Schweigens über die NS-Zeit zu decken. Wir dürfen auf die Leistungen des Unternehmers Paul Horn mit der Benennung einer Sporthalle aufmerksam machen, obwohl er in der NS-Zeit aufgewachsen ist und Mitglied der NSDAP wurde, weil er an der Nazibarbarei keinen über die Kollektivschuld des deutschen Volkes hinausgehenden Anteil hatte und sich in der Bundesrepublik große Verdienste erworben hat. Wir dürfen die Sporthalle nach einem der erfolgreichsten und gesellschaftlich in vorbildlicher Weise engagierten Tübinger Unternehmen benennen.
Als Oberbürgermeister bitte ich die Öffentlichkeit um Entschuldigung für die von mir zu verantwortenden Fehler in der Vorbereitung des Namenssponsorings der Tü-Arena. Ich schätze weiterhin das einmalig finanzielle Engagement der Familie Horn zu Gunsten der Allgemeinheit und hoffe, dass wir ungerechte und zerrüttende Debatten, die der positiven Sache nur Schaden würden, vermeiden können.“
(Text: Pressestelle der Universitätsstadt Tübingen)
Anton Brenner - 2007/07/17 16:04
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