Tübinger Ehrenbürger. Antrag, die Mitgliedschaft in NS-Organisationen zu erwähnen, und allen, die in Tübingen Widerstand geleistet haben bzw. verfolgt wurden, posthum die Ehrenbürgerschaft zu verleihen.

Antrag der Fraktion der Linken im Tübinger Gemeinderat:

NS-Verstrickung Tübinger Ehrenbürger.
Ehrung derer, die in der Nazizeit Widerstand geleistet haben, die verfolgt, verfemt und ermordet wurden.


Tübingen diskutiert über den Neonaziaufmarsch in Tübingen am 21. Juli 2007. Die Nachforschungen über die NSDAP-Mitgliedschaft des Namens-Sponsors für die TüArena haben die Gemüter bewegt. Dass Tübingen mit den Aktivitäten des Grabert-Verlags ein geistiges Zentrum der Neo-Nazis, Alt-Nazis und der Neuen Rechten beherbergt, ist international bekannt. Unsere Anträge zum Haering-Haus und den Naziverstrickungen der Tübinger Ehrenbürger wurden bisher nicht behandelt. Wie in vielen Firmen und Städten muss die Nazi-Vergangenheit und der Umgang mit ihr in der Nachkriegszeit aufgearbeitet werden. Selbstverständlich haben viele ehemaligen Nazis in der Nachkriegszeit Außerordentliches geleistet. Doch der Eindruck, dass sich niemand einer Verstrickung in der Nazizeit entziehen konnte, ist falsch. Zur Ehrenrettung der Stadt Tübingen gab es Menschen, die Widerstand geleistet haben, die verfolgt, vertrieben und vernichtet wurden. Sie wurden bisher bei Ehrungen vergessen. Auch deshalb stellen wir den folgenden Antrag:

1. Auf der Ehrenbürgerliste wird die Mitgliedschaft in Naziorganisationen mit Erläuterungen aufgenommen (z.B. bei den Ehrenbürgern Adolf Scheef, Paul Schmitthenner, Dr. Theodor Haering, Hans Gmelin, Wilhelm Vetter, Dr. Gebhard Müller, Dr. Kurt Georg Kiesinger, Dr. Theodor Eschenburg und Dr. Walter Jens)

2. Auf der Ehrenbürgerliste werden die im Dritten Reich ernannten und danach gestrichenen Ehrenbürger im Sinne der historischen Wahrheit aufgeführt, z.B. die 1933 ernannten Tübinger Ehrenbürger Adolf Hitler, Gauleiter Murr und Kultusminister Mergenthaler. Auch das gehört zur Vergangenheit Tübingens.

3. Am Theodor-Haering-Haus wird eine erklärende Tafel angebracht, auf der sein rassistisches Einwirken auf die Studentengeneration und seine Hitler-Verehrung sogar noch nach 1945 erläutert wird.

4. Nach den Stadträten, die als erste von den Nazis aus dem Gemeinderat entfernt wurden, nach Simon Hayum und Hugo Benzinger (KPD) werden Plätze der Stadt benannt, ebenso nach den danach entfernten drei sozialdemokratischen Stadträten (das Tagblatt meldete damals im Mai 1933, jetzt sei der Gemeinderat endlich juden- und marxistenfrei. Danach beschloss der Rest des Gemeinderats, dass das Freibad für Juden und Hunde verboten sei).

5. Wer in Tübingen Widerstand geleistet, als Tübinger Bürger aus politischen oder rassistischen Gründen von den Nazis verfolgt oder ermordet (mindestans 12 Namen) wurde, erhält posthum die Tübinger Ehrenbürgerschaft. Dazu gehören alle ermordeten jüdischen Mitbürger, die verfolgten und verfemten Wissenschaftler Hans Bethe, Traugott Konstatin Oesterreich, Erich Kamke, Helmut Erlanger, Ludwig Weinheber, sowie die verfolgten Tübinger Bürger Gottlob Frank, Fritz Kehrer, Johannes Kost, Wilhelm Baudermann, Hugo Benzinger und Ferdinand Zeeb. Damit würde der schon fast ekelhaft hohe Prozentsatz von Mitgliedern in Nazi-Organisationen etwas verringert.



Anlage: Zu den Namen


In dem Buch "Arbeitertübingen" steht: "Zunächst wurden die vier KPD-Leute, die am 31. Januar den Aufruf zum Generalstreik verteilt hatten, und die Tübinger KPF-Führer Zeeb und Benzinger verhaftet. ... In einer Notiz der "Tübinger Chronik" wird mitgeteilt: "In der Frühe des 25 März wurden in Tübingen im Benehmen mit dem Landeskriminalpolizeiamt weitere 7 Personen in Schutzhaft genommen. Unter ihnen befand sich ein seither führendes Mitglied der hiesigen SPD. Die übrigen sind Kommunisten. Die Häftlinge werden im Lauf des Tages nach dem Lager Heuberg verbracht. ... Bei dem führenden SPD-Mitglied handelt es sich um Gottlob Frank, den Leiter der "Eisernen Front" in Tübingen. ... Im Gemeinderatsprotokoll vom 10. Juli 1933 ist nachzulesen: Fritz kehrer, Maurer in Lustnau war seit Herbst 1928 bis zu seiner Inhaftierung (auf dem Heuberg) am 12. April 1933 beim Tiefbauamt beschäftigt. Kehrer hat nun nach seiner Freilassung um Wiederverwendung beim Tiefbauamt nachgesucht, da er bei einem Privatunternehmer nicht unterkomme. ... Vom Kollegium wird beschlossen: Das Gesuch des Fritz Kehrer, Maurers in Lustnau um Wiederverwendung beim Tiefbauamt ist abzulehnen." Johannes Kost (SPD, Vorsitzender des Gesamtverbands der öffentlichen Betriebe) bekam Berufsverbot, Wilhelm Baudermann kam für längere Zeit ins Konzentrationslager Dachau, weil er auf dem Nachhauseweg vom Pflug ein Arbeiterlied sang und denunziert wurde, ein NSDAP-Plakat heruntergerissen zu haben.

1939 wurde die jüdischen Gemeinde aufgelöst. Im Dezember 1941 wurden acht Tübinger Juden nach Riga in ein dortiges Lager deportiert. Mit einer Ausnahme kamen sie alle um. Im August 1942 wurden fünf Tübinger Juden nach Theresienstadt deportiert, sie alle kamen um.1939 wurde die jüdischen Gemeinde aufgelöst. Im Dezember 1941 wurden acht Tübinger Juden nach Riga in ein dortiges Lager deportiert. Mit einer Ausnahme kamen sie alle um. Im August 1942 wurden fünf Tübinger Juden nach Theresienstadt deportiert, sie alle kamen um. Quelle: http://www.segne-israel.de/artikel/a_judtue.htm

Hans Bethe (1906-2005), Vertreter der außerordentlichen Professur für theoretische Physik und Privatdozent, wurde am 20. April 1933 vom Kultministerium nichtarischer Abstammung entlassen. Er emigrierte nach England, später in die Vereinigten Staaten, und lehrte an der Cornell University, Ithaca (N.Y.). 1967 wurde ihm der Nobelpreis für Physik verliehen.

Traugott Konstantin Oesterreich (1880-1947), außerordentlicher Professor für Philosophie, wurde formal nach § 4, der eine Entlassung bei politischer Unzuverlässigkeit vorsah, in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Wahrscheinlich spielte neben seiner demokratischen Gesinnung eine Rolle, dass seine Frau als Nichtarierin galt.

Erich Kamke (1890-1961), außerordentlicher Professor für Mathematik, wurde 1937 in den vorzeitigen Ruhestand versetzt aufgrund des § 6 des Berufsbeamtengesetzes, der eine Versetzung in den Ruhestand zur Vereinfachung der Verwaltung vorsah. Wahrscheinlich war auch hier die so genannte nichtarische Abstammung der Ehefrau der Grund für diese Verwaltungsmaßnahme

Helmut Erlanger (1908-?) war im Wintersemester 1932/33 Assistent an der Rechtswissenschaftlichen Abteilung. Aus dem staatlichen Vorbereitungsdienst am Tübinger Amtsgericht wurde er im Sommer 1933 entlassen, nachdem er vorher auf dem Heuberg im ersten württembergischen KZ interniert gewesen war.

Ludwig Weinheber (1904-1945?), Privatassistent am Wirtschaftsarchiv der Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung, exmatrikulierte sich mit dem Ende des Wintersemesters 1932/33, ohne promoviert zu haben. Weinheber wurde zum 8. Mai 1945 für tot erklärt; wahrscheinlich ist er in einem KZ ermordet worden.



Wir bitten, den Antrag zeitnah auf die Tagesordnung zu setzen und nicht, wie in den vergangenen acht Jahren, unter den Tisch fallen zu lassen.

Auch im Namen der Fraktionskollegen der Linken im Tübinger Gemeinderat Edeltraut Horn-Metzger, Bernd Melchert und Gerlinde Strasdeit

20. Juli 2007

Anton Brenner

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