Ehrenbürger pries Hitlers Genialität noch nach dem Krieg

Tübinger Linke Liste beantragt Umbenennung des Haering-Hauses

Pressebericht in: Südwest Presse, 9.2.05

Der Philosoph und Professor Theodor Haering wurde zu Lebzeiten mit Ehrungen überhäuft. Jetzt stellt sich heraus: Der Tübinger war begeisterter Anhänger Hitlers.

RAIMUND WEIBLE

TÜBINGEN. Eineinhalb Jahre hat sich Manfred Hantke, Tübinger Magister der Philosophie, durch den Nachlass des Tübinger Philosophen Theodor Haering (1884 - 1964) gegraben. Der Wissenschaftler sichtete Bücher und Akten, welche die Universitätsbibliothek in 45 Kartons aufbewahrt. Hantke las sich durch Tagebücher, Vorlesungstexte und Manuskripte halbfertiger Bücher. Viel Unveröffentlichtes war darunter. Die Quellen bezeugen, was nur wenigen Fachleuten bekannt war: Haering, Mitglied der Nazi-Partei seit 1937, war ein Anti-Demokrat, huldigte der Führer-Ideologie und äußerte sich antisemitisch. Selbst nach Kriegsende, bemerkte Verfassungsvater Carlo Schmid, hörte Haering nicht auf, „des Führers Genialität zu preisen“.

Die französische Militärregierung entließ Haering im Oktober 1945 aus seinem Amt. 1948 wurde er von der Spruchkammer als „Mitläufer“ eingestuft. 1951 erhielt er seine Professur zurück und wurde mit hohen Ehren überhäuft. 1957 verlieh ihm der Tübinger Gemeinderat das Ehrenbürgerrecht, der Bundespräsident 1959 das Große Verdienstkreuz. Nach dem Tod 1964 wurde Haering in einem Ehrengrab auf dem Stadtfriedhof beigesetzt.

Seine Villa vermachte Haering der Stadt. In dem Haus auf der Neckarhalde archiviert die Stadt ihre Sammlungen. Seine NS-Vergangenheit wurde tabuisiert. In einem Nachruf wird er gar als mutiger Kritiker des NS-Systems stilisiert.

Doch schon nach dem so genannten Röhm-Putsch 1934 findet sich in Haerings Vorlesungsunterlagen eine an die Studenten gerichtete Notiz: „Ich hoffe, Sie sind alle hierin derselben Meinung, dass wir uns vielleicht nie so tief mit unserem obersten und einzigen Führer verbunden gefühlt haben, als nun, da er, begonnen hat, gewiss mit tiefstem Herzweh, mit eisernem Besen seine große und herrliche Bewegung von Elementen zu reinigen, welche ihr nicht zur Ehre gereichen.“ Damals hatte Hitler zahlreiche SA-Führer und 200 Oppositionelle erschießen lassen.

Anton Brenner, Stadrat der „Tübinger Linken/PDS“, nannte Haering „einen der widerwärtigsten Nazi-Ideologen“. Für seine Fraktion stellte er am 13. Dezember 2004 den Antrag, das Theodor-Haering-Haus umzubenennen. Der Name, argumentierte Brenner, könne Tübingen bei der Bewerbung um die Stadt der Wissenschaft 2006 nur schaden.

Nach der Konzeption der Stadt soll in dem „Haus des Wissens“ künftig ein Stadtdenker Ideen entwickeln. Brenner regte an, das Haus nach Simon Hayum zu benennen, einem Tübinger Juden, der Rechtsanwalt und Stadtrat der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei war. Hayum erhielt Berufsverbot und emigrierte 1939 in die USA.

Die Tübinger Stadtverwaltung sieht derzeit keinen Handlungsbedarf. Sie will den Abschluss der Arbeit Hantkes abwarten. Danach werde das Rathaus sorgfältig prüfen, erklärte Pressesprecherin Sabine Schmincke, ob ein Verfahren zum posthumen Entzug der Ehrenbürgerwürde Haerings in Gang gebracht werden müsse.

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