Liste der Tübinger Ehrenbürger gleicht teilweise einem Gruselkabinett

Beitrag - Anton Brenner - 01.05.05

Die folgende Aufstellung enthält alle Personen, die von der Stadt die Ehrenbürgerwürde verliehen bekamen. Die Auflistung erfolgt nach dem Zeitpunkt der Verleihung. Das Neue Tübinger Tagblatt berichtete am 5. Mai 1933: "Der neue Gemeinderat vereidigt. Der erste Beschluss: Hindenburg, Hitler, Murr und Mergenthaler Ehrenbürger."

Diese Herren fehlen in der Liste. Dafür ist einer darunter, der beteiligt war, dass 1944 noch 57 000 Juden in die Gaskammern verfrachtet wurden. Die Fettgedruckten waren aktive Nazis, teilweise noch nach 1945 Hitleranhänger, oder sind nach eigenen Angaben mehr zufällig, weil sie versehentlich einen "Wisch" unterzeichnet haben, in die SS oder NSdAP geraten. Nach den Richtlinien des Außenministeriums bekämen sie keinen "ehrenden" Nachruf. In Tübingen sind sie als "Ehrenbürger" Vorbild für die junge Generation. Typisch Tübingen: Schon vor 10 Jahren wurde der "Schlächter von Maribor" Alois Gabrysch den Schülern der Tübinger Schulen als Zeitzeuge empfohlen. Er sollte dort erzählen, "wie es wirklich war".

Die Tübinger Ehrenbürger (Stand Mai 2005)


1868: Dr. Viktor von Bruns, Mediziner (1812-1883)
1890: Dr. Gustav Gärtner, Sanitätsrat (1820-1884)
1905: Johannes Leopold, Pfarrer von Unterjesingen (1840-1906)
1907: Dr. Gustav von Schönberg, Staatswissenschaftler (1839-1908)
1920: Johannes Theurer, US-amerikanischer Fabrikant (1857-1921)
1927: Hans Rath, Stadtamtmann (1876-1945)
1934: Anna Bosch (1864-1949)
1937: Friedrich Süsser, Lehrer in Pfrondorf (1871-1951)
1939: Adolf Scheef, Oberbürgermeister (1874-1944)
1952: Paul Schmitthenner, Architekt in Kilchberg (1884-1972)
1952: Friedrich Dannenmann, Bauwerkmeister (1864-1952)
1952: Paul Löffler, Eisenbahn-Obersekretär (1875-1955)
1954: Dr. Karl D. Heim, Theologe (1874-1958)
1954: Dr. h.c. Karl Stieler, Staatssekretär, Bebenhausen (1864-1960)
1956: Otto Erbe, Fabrikant, Optiker (1884-1965)
1957: Dr. Theodor Haering, Philosoph (1884-1964)
1961: Paula Zundel, geb. Bosch (1890-1974)
1965: Viktor Renner, Landesminister (1899-1964)
1975: Hans Gmelin, Oberbürgermeister (1911-1991)
1977: Jakob Krauss, Landtagsabgeordneter (1896-1988)
1977: Dr. Carlo Schmid, Bundesminister (1896-1979)
1977: Wilhelm Vetter, Direktor (1900-1977),
1978: Dr. Gebhard Müller, Ministerpräsident (1900-1990)
1979: Dr. Kurt Georg Kiesinger, Bundeskanzler und Ministerpräsident (1904-1988)
1982: Gerhard Rösch, Fabrikant (1907-1982)
1985: Erwin Geist, Gewerkschaftssekretär (* 1916)
1985: Ludwig Hönle, Präsident des VdK (1920-1993)
1985: Dr. Theodor Eschenburg, Politikwissenschaftler (1904-1999)
1996: Dr. Adolf Theis, Universitätspräsident (* 1933)
1998: Dr. Eugen Schmid, Oberbürgermeister (* 1932)
2001: Wilhelm Beier, Geschäftsführer Wohlfahrtspflege (* 1911)
2002: Dr. Christiane Nüsslein-Volhard, Biologin, Nobelpreis 1995 (* 1942)
2002: Dr. Walter Jens, Literaturwissenschaftler und Schriftsteller (* 1923)
2002: Dr. Hans Küng, Theologe und Religionsforscher (* 1928)

Sonderangebot auf dem Tübinger Regionalmarkt am 30.04.2005: Braune Ehrenbürgerhemden mit Hakenkreuz und Gmelin-Portrait.

ehrenbrger-karikatur
Karikatur von Sepp Buchegger im Schwäbischen Tagblatt vom 30.04.2005

Tübingen - Stadt des Vergessens

„Die Fraktion, die lediglich der Opposition wegen auf dem Rathaus war, nämlich die kommunistische, ist Gott sei Dank verschwunden. Sie war es, die jedem anständig Denkenden die Freude an der Gemeindepolitik vergällt hat.“ So ähnlich könnte heute auch ein Nachruf auf die Fraktion der Tübinger Linken/PDS lauten. Das Zitat stammt aus der Tübinger Chronik vom 9.5.1933. Hugo Benzinger und Ferdinand Zeeb saßen schon im KZ, als der Tübinger Gemeinderat am 15. Mai 1933 beschloss: „Juden und Fremdrassigen ist der Zutritt zum städtischen Freibad zu verwehren.“ Am 16.5.1933 steht in der Tübinger Chronik: „Die Zahl der Tübinger Gemeinderatsmitglieder ist abermals um drei verkleinert worden. Die Sozialdemokratische Fraktion ist ... abgetreten. Damit ist das Kollegium jetzt vollständig marxistenrein.“

Am 5. April 1945 steht in der Tübinger Chronik: „Volksgenossen! Der Feind ist bestrebt, Eure Standfestigkeit durch Gerüchte dunkler Herkunft zu untergraben. Es ist angezeigt, Gerüchteverbreiter zu stellen und zur Anzeige zu bringen. Hetzer und Wühler werden unschädlich gemacht. Vors Standgericht, wer Gerüchte weiterträgt!“ Unterzeichnet ist der Aufruf mit „Rauschnabel, Kreisleiter.“ Und der Tübinger Orientalist (ab 1954 Direktor des neutestamentlichen Seminars der Universität Heidelberg) Karl Georg Kuhn meinte: „Das Verdienst des nationalsozialistischen Deutschland ist es, in seinem Teil einmal einen radikalen Versuch zur Lösung des Judenproblems unternommen zu haben, der der Anfang einer Weltlösung werden kann.“

„Noch im November 1945 werden an der Universität offenbar Handzettel verteilt, in denen gegen Dr. Dobler gehetzt wird, der ... die Kapitulation und damit die Rettung der Stadt initiiert hatte.“ Dieses Zitat stammt wie andere aus dem Buch „Arbeitertübingen“, erschienen 1980 in der "Schwäbischen Verlagsgesellschaft". Weitere Zitate sind der Revue „SA braust durch das Neckartal“ entnommen, die am 30.1.1983 im LTT aufgeführt wurde und zum 8. Mai 1985 in Buchform erschien (in der „Schwäbischen Verlagsgesellschaft“ von Anton Brenner).

Heute hat Tübingen mindestens acht Ehrenbürger, die in der NSDAP oder SS aktiv waren. Die Tübinger, die Widerstand leisteten, die im KZ saßen, vergast oder erschossen wurden, die emigrieren mussten, ehrt keine Tafel, keine Ehrenbürgerschaft, kein Platz- oder Straßennamen. Die letzten noch lebenden Tübinger Juden mussten sich letztes Jahr bei ihrem Besuch von der SPD-Oberbürgermeisterin Brigitte Russ-Scherer die Befindlichkeit der Deutschen in Bombennächten unter die Nase reiben lassen. Als die Fraktion der Tübinger Linken/PDS den Namen Simon-Hayum-Haus (eines liberalen jüdischen Stadtrats aus der Partei von Theodor Heuß und Reinhold Maier) für das Theodor-Haering-Haus vorschlug, stach sie in ein Wespennest. Stattdessen soll es „Haus des Wissens“ heißen. Ein historischer Begriff. Nur der Kriegsausgang verhinderte den monströsen Plan Hitlers, auf der Nazi-Ordensburg Vogelsang ein "Haus des Wissens" mit "Ehrenhalle" für die 1923 getöteten Münchener Putschisten zu errichten.

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