Eichmann, Globke, Ludin und Hans Gmelin. Zwei oder drei Dinge über die Endlösung der Judenfrage in der Slowakei und einen Tübinger Ehrenbürger.
Artikel - 16.05.04 - Anton Brenner
Im Außenministerium bekäme das ehemalige NSDAP-Mitglied Hans Gmelin kein ehrendes Gedenken. In Tübingen bekam Gmelin eine zweite Chance, wurde Oberbürgermeister und ist heute noch Ehrenbürger.

Hans Gmelin (ganz rechts) neben dem später gehenkten Botschafter Hanns Ludin) aus dem Film von Malte Ludin über seinen Vater: "2 oder 3 Dinge, die ich über ihn weiß"
Die Amerikaner und Franzosen sperrten Hans Gmelin am 7. Mai 1945 über drei Jahre ein, 1966 machte auch die Tübinger Partnerstadt Aix en Provence den ehemaligen SA-Standartenführer (Oberst) Hans Gmelin zum Ehrenbürger.

Ob die Stadt Aix Hans Gmelin zum Ehrenbürger gemacht hätte, wenn damals bekannt gewesen wäre, was wir heute wissen?
Ab 1944 wohnte Hans Gmelin, die rechte Hand von Hanns Ludin, des deutschen Botschafters in der Slowakei, in einer arisierten Villa im judenfreien Bratislava. Seit Januar 1941 war Hans Gmelin auch mit der Endlösung der Judenfrage in der Slowakei befasst:
„Rund 59 000 slowakische Juden wurden zwischen März und November 1942 nach Auschwitz, Treblinka und Sobibor deportiert. Das Reich ließ sich für jeden „ausgesiedelten“ Juden 500 Reichsmark bezahlen. Auftragsgemäß brachte Gesandtschaftsrat Gmelin dem slowakischen Außenministerium „zur Kenntnis“, dass durch „Unterbringung, Verpflegung, Bekleidung und Umschulung der Juden“ Kosten entstünden ...“ berichtete das Schwäbische Tagblatt am 28. April 2005.
Das störte die Oberbürgermeisterin der Stadt Tübingen, die SPD-Politikerin Brigitte Russ-Scherer wenig. Am 6. Mai 2005 feierte sich die Stadt Tübingen als Europastadt, auf einer Plakatwand prangte unübersehbar Hans Gmelin, als ob man nicht zwei oder drei Dinge erfahren hätte, die keine Ehrung verdienen. Noch am 9. Mai 2005 konnten die Gemeinderäte ihren früheren Oberbürgermeister und Ehrenbürger vor dem Sitzungssaal bewundern, als ob er nie zu den Endlösern der Judenfrage in der Slowakei gehört hätte, zusammen mit Eichmann, Globke und Ludin. Eichmann und Ludin wurden dafür gehenkt.

Ehrende Wandzeitung am 6.-9. Mai 2005 im Tübinger Rathaus: Hans Gmelin im Europahaus in Strasbourg.
Noch ein Zitat aus dem Artikel des Schwäbischen Tagblatts vom 28. April 2005: „Egal ob Eichmann seine Ankunft ankündigte, hochrangige Eisenbahner kamen und „Fragen des Judentransportes“ besprechen wollten oder das Reichssicherheitshauptamt „die Bereitstellung von rollendem Material seitens der Slowakischen Regierung“ begrüßte: Mit Namenskürzel – etwa „Gm“ für Gmelin – wird stets bestätigt, wer Kenntnis genommen hat. Weiteres wurde in Referentenbesprechungen erörtert. Dort berichtete Ludin auch einmal von zwei Noten des Vatikan an den slowakischen Ministerpräsidenten, wonach die Juden nicht zum Arbeitseinsatz geschickt, sondern dass sie vernichtet würden.“
Was der Theologieprofessor Gerhard Ebeling 1954 nach der Wahl von Hans Gmelin zum Tübinger Oberbürgermeister über seine Wähler schrieb, scheint noch heute für die SPD-Verwaltungsspitze in Tübingen zu gelten: „Die Tübinger Bürgerschaft hat bei der Oberbürgermeisterwahl in ihrer Mehrheit einem Kandidaten die Stimme gegeben, dessen frühere Rolle als nationalsozialistischer Funktionär allgemein bekannt war“. Die Bürgerschaft habe „damit den Beweis erbracht, dass für sie Bedenken in dieser Hinsicht zumindest nicht maßgebend sind, wenn nicht gar für einen erheblichen Teil der Wähler solche Vergangenheit eine Empfehlung bedeutet.“
Auch der Verleger Hans Georg Siebeck meldete sich damals zur Ehrenrettung Tübingens zu Wort: „Herr Gmelin wird kaum behaupten können, dass ihm seine Tätigkeit in der Slowakei nicht Einblick in Dinge gewährt hätte, die heute jeden anständigen Deutschen mit Scham und Schauder erfüllen.“
An mangelnder Information der SPD-Oberbürgermeisterin Russ-Scherer und des 1. Bürgermeisters Gerd Weimer (SPD) kann es nicht liegen. Auch das stand am 28.04.2005 in der Lokalzeitung: „Als in der Nacht zum 29. August 1944 wegen anhaltender Partisanenaktivitäten insbesondere in der Ostslowakei die Wehrmacht das Land besetzte, reagierten weite Teile der Bevölkerung mit heftigem Widerstand, den SS-Einheiten binnen weniger Wochen niederschlugen. Mit den militärischen Einheiten war auch die SS-Einsatzgruppe H eingerückt, die mit großer Grausamkeit gegen die Bevölkerung vorging. Sie wütete nicht nur gegen Aufständische, sondern jagte gezielt alle erreichbaren Juden, um sie ins KZ zu verschleppen. In den ersten drei Wochen, solange SS-Obergruppenführer Gottlob Berger den Oberbefehl hatte, fungierte Gmelin zusätzlich als Verbindungsmann der Gesandtschaft zum deutschen Befehlshaber und nahm an den täglichen Lagebesprechungen teil.“
Theodor Deters berichtet vor dem Freundeskreis des Sudetendeutschen Wandervogels beim Treffen in Bad Alexandersbad 2003 über den Partisaneneinsatz der Deutschen, der SS und der Einsatzgruppe H, auf seine Weise: „Ein anderer Zwischenfall erschütterte uns Karpatendeutsche in besonderer Weise. Ferdinand Klug, früherer Landesjugendführer, ein fronterfahrener Mann, befand sich Ende August auf einer abenteuerlichen Dienstreise im Waagtal und erlebte dort am eigenen Leibe die prekäre Lage vor allem der Deutschen. Er berichtete darüber in Preßburg, und so entschlossen sich Karmasin, Gesandtschaftsrat Gmelin (Vater unserer früheren Justizministerin Hertha Däubler-Gmelin) und Ferdl Klug mit einigen FS-Männern zu einem Vorstoß in Richtung Hauerland, um den bedrängten Deutschen zu helfen.“
Vielleicht hängen die (Nicht-) Reaktionen der Tübinger SPD auch damit zusammen, dass auf der Homepage der Tübinger Bundestagsabgeordneten der SPD in ihrem Lebenslauf steht: „Herta Däubler-Gmelin, ev., wurde am 12. August 1943 in Bratislava/Slov. geboren. Ihr Vater Hans Gmelin (+ Juli 1991), ein parteiloser Jurist und Kommunalpolitiker, war 1954-1974 Oberbürgermeister in Tübingen.“ (Siehe auch: http://worldpoliticsreview.org/article.aspx?id=1997)
Die Linke hat schon mehrere Anfragen an die Tübinger Stadtverwaltung gerichtet, wie sie mit dem Problem Gmelin umgehen wolle. Sie wurde vertröstet. Eine Kommission des Erinnerns werde sich damit befassen.
Der deutsche Reichsinnenminister Wilhelm Frick wird bei seinem Aufenthalt am 2. bis 8.9.1941 in der slowakischen Hauptstadt Pressburg vor dem Carlton-Hotel von Kindern mit Blumen begrüßt. In seiner Begleitung (im Hintergrund links neben Frick) Ministerialrat D. Hans Globke. (Frick und Globke weilten in Pressburg, um die faschistischen Judengesetze in der Slowakei einzuführen).
Gmelin, die rechte Hand von Hanns Ludin um die gleiche Zeit in Bratislava (Zweiter von rechts):
Im Außenministerium bekäme das ehemalige NSDAP-Mitglied Hans Gmelin kein ehrendes Gedenken. In Tübingen bekam Gmelin eine zweite Chance, wurde Oberbürgermeister und ist heute noch Ehrenbürger.

Hans Gmelin (ganz rechts) neben dem später gehenkten Botschafter Hanns Ludin) aus dem Film von Malte Ludin über seinen Vater: "2 oder 3 Dinge, die ich über ihn weiß"
Die Amerikaner und Franzosen sperrten Hans Gmelin am 7. Mai 1945 über drei Jahre ein, 1966 machte auch die Tübinger Partnerstadt Aix en Provence den ehemaligen SA-Standartenführer (Oberst) Hans Gmelin zum Ehrenbürger.

Ob die Stadt Aix Hans Gmelin zum Ehrenbürger gemacht hätte, wenn damals bekannt gewesen wäre, was wir heute wissen?
Ab 1944 wohnte Hans Gmelin, die rechte Hand von Hanns Ludin, des deutschen Botschafters in der Slowakei, in einer arisierten Villa im judenfreien Bratislava. Seit Januar 1941 war Hans Gmelin auch mit der Endlösung der Judenfrage in der Slowakei befasst:
„Rund 59 000 slowakische Juden wurden zwischen März und November 1942 nach Auschwitz, Treblinka und Sobibor deportiert. Das Reich ließ sich für jeden „ausgesiedelten“ Juden 500 Reichsmark bezahlen. Auftragsgemäß brachte Gesandtschaftsrat Gmelin dem slowakischen Außenministerium „zur Kenntnis“, dass durch „Unterbringung, Verpflegung, Bekleidung und Umschulung der Juden“ Kosten entstünden ...“ berichtete das Schwäbische Tagblatt am 28. April 2005.
Das störte die Oberbürgermeisterin der Stadt Tübingen, die SPD-Politikerin Brigitte Russ-Scherer wenig. Am 6. Mai 2005 feierte sich die Stadt Tübingen als Europastadt, auf einer Plakatwand prangte unübersehbar Hans Gmelin, als ob man nicht zwei oder drei Dinge erfahren hätte, die keine Ehrung verdienen. Noch am 9. Mai 2005 konnten die Gemeinderäte ihren früheren Oberbürgermeister und Ehrenbürger vor dem Sitzungssaal bewundern, als ob er nie zu den Endlösern der Judenfrage in der Slowakei gehört hätte, zusammen mit Eichmann, Globke und Ludin. Eichmann und Ludin wurden dafür gehenkt.

Ehrende Wandzeitung am 6.-9. Mai 2005 im Tübinger Rathaus: Hans Gmelin im Europahaus in Strasbourg.
Noch ein Zitat aus dem Artikel des Schwäbischen Tagblatts vom 28. April 2005: „Egal ob Eichmann seine Ankunft ankündigte, hochrangige Eisenbahner kamen und „Fragen des Judentransportes“ besprechen wollten oder das Reichssicherheitshauptamt „die Bereitstellung von rollendem Material seitens der Slowakischen Regierung“ begrüßte: Mit Namenskürzel – etwa „Gm“ für Gmelin – wird stets bestätigt, wer Kenntnis genommen hat. Weiteres wurde in Referentenbesprechungen erörtert. Dort berichtete Ludin auch einmal von zwei Noten des Vatikan an den slowakischen Ministerpräsidenten, wonach die Juden nicht zum Arbeitseinsatz geschickt, sondern dass sie vernichtet würden.“
Was der Theologieprofessor Gerhard Ebeling 1954 nach der Wahl von Hans Gmelin zum Tübinger Oberbürgermeister über seine Wähler schrieb, scheint noch heute für die SPD-Verwaltungsspitze in Tübingen zu gelten: „Die Tübinger Bürgerschaft hat bei der Oberbürgermeisterwahl in ihrer Mehrheit einem Kandidaten die Stimme gegeben, dessen frühere Rolle als nationalsozialistischer Funktionär allgemein bekannt war“. Die Bürgerschaft habe „damit den Beweis erbracht, dass für sie Bedenken in dieser Hinsicht zumindest nicht maßgebend sind, wenn nicht gar für einen erheblichen Teil der Wähler solche Vergangenheit eine Empfehlung bedeutet.“
Auch der Verleger Hans Georg Siebeck meldete sich damals zur Ehrenrettung Tübingens zu Wort: „Herr Gmelin wird kaum behaupten können, dass ihm seine Tätigkeit in der Slowakei nicht Einblick in Dinge gewährt hätte, die heute jeden anständigen Deutschen mit Scham und Schauder erfüllen.“
An mangelnder Information der SPD-Oberbürgermeisterin Russ-Scherer und des 1. Bürgermeisters Gerd Weimer (SPD) kann es nicht liegen. Auch das stand am 28.04.2005 in der Lokalzeitung: „Als in der Nacht zum 29. August 1944 wegen anhaltender Partisanenaktivitäten insbesondere in der Ostslowakei die Wehrmacht das Land besetzte, reagierten weite Teile der Bevölkerung mit heftigem Widerstand, den SS-Einheiten binnen weniger Wochen niederschlugen. Mit den militärischen Einheiten war auch die SS-Einsatzgruppe H eingerückt, die mit großer Grausamkeit gegen die Bevölkerung vorging. Sie wütete nicht nur gegen Aufständische, sondern jagte gezielt alle erreichbaren Juden, um sie ins KZ zu verschleppen. In den ersten drei Wochen, solange SS-Obergruppenführer Gottlob Berger den Oberbefehl hatte, fungierte Gmelin zusätzlich als Verbindungsmann der Gesandtschaft zum deutschen Befehlshaber und nahm an den täglichen Lagebesprechungen teil.“
Theodor Deters berichtet vor dem Freundeskreis des Sudetendeutschen Wandervogels beim Treffen in Bad Alexandersbad 2003 über den Partisaneneinsatz der Deutschen, der SS und der Einsatzgruppe H, auf seine Weise: „Ein anderer Zwischenfall erschütterte uns Karpatendeutsche in besonderer Weise. Ferdinand Klug, früherer Landesjugendführer, ein fronterfahrener Mann, befand sich Ende August auf einer abenteuerlichen Dienstreise im Waagtal und erlebte dort am eigenen Leibe die prekäre Lage vor allem der Deutschen. Er berichtete darüber in Preßburg, und so entschlossen sich Karmasin, Gesandtschaftsrat Gmelin (Vater unserer früheren Justizministerin Hertha Däubler-Gmelin) und Ferdl Klug mit einigen FS-Männern zu einem Vorstoß in Richtung Hauerland, um den bedrängten Deutschen zu helfen.“
Vielleicht hängen die (Nicht-) Reaktionen der Tübinger SPD auch damit zusammen, dass auf der Homepage der Tübinger Bundestagsabgeordneten der SPD in ihrem Lebenslauf steht: „Herta Däubler-Gmelin, ev., wurde am 12. August 1943 in Bratislava/Slov. geboren. Ihr Vater Hans Gmelin (+ Juli 1991), ein parteiloser Jurist und Kommunalpolitiker, war 1954-1974 Oberbürgermeister in Tübingen.“ (Siehe auch: http://worldpoliticsreview.org/article.aspx?id=1997)
Die Linke hat schon mehrere Anfragen an die Tübinger Stadtverwaltung gerichtet, wie sie mit dem Problem Gmelin umgehen wolle. Sie wurde vertröstet. Eine Kommission des Erinnerns werde sich damit befassen.
Der deutsche Reichsinnenminister Wilhelm Frick wird bei seinem Aufenthalt am 2. bis 8.9.1941 in der slowakischen Hauptstadt Pressburg vor dem Carlton-Hotel von Kindern mit Blumen begrüßt. In seiner Begleitung (im Hintergrund links neben Frick) Ministerialrat D. Hans Globke. (Frick und Globke weilten in Pressburg, um die faschistischen Judengesetze in der Slowakei einzuführen).
Gmelin, die rechte Hand von Hanns Ludin um die gleiche Zeit in Bratislava (Zweiter von rechts):
frederic - 2005/05/17 00:07

www.solid-sds.de
Trackback URL:
http://tuelpds.twoday.net/stories/695817/modTrackback